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Kritik: Vor der Morgenröte - Stefan Zweig in Amerika (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

In seinen Memoiren "Die Welt von Gestern", die erst nach seinem Freitod im Jahr 1942 erscheinen, feiert Stefan Zweig das alte Europa der Kultur und der Künste. Er schildert auf unvergessliche Weise, wie der Erste Weltkrieg und wenig später der aufkommende Faschismus seine Hoffnung auf ein liberales, friedliches Weltbürgertum begraben. Schon frühzeitig ging der jüdische Schriftsteller 1934 unter dem Eindruck des wachsenden Antisemitismus in Österreich nach London ins Exil. Die vielen Jahre des Lebens in der Fremde zermürben ihn. In seinem Abschiedsbrief dankt er Brasilien für die Aufnahme, "nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich selbst vernichtet." In ihrem zweiten Spielfilm beleuchtet die Regisseurin Maria Schrader ("Liebesleben") in fünf Episoden und einem Epilog diesen letzten Abschnitt im Leben des Schriftstellers, in dem auch seine berühmte "Schachnovelle" entstand.

Das Leben im Exil ist für Stefan Zweig, glaubt man diesem Film, gehetzt und anstrengend: Es gleicht einer Tournee durch verschiedene Länder, die Gespräche auf Empfängen und Events, im Auto zur nächsten Einladung sind bruchstückhaft und funktional. Wo wird man sich umziehen können vor den Ankunft im winterlichen New York, wo ein Telegramm aufgeben? Stefan Zweig ist ein Star, mit dem sich viele schmücken wollen. Vor allem aber hoffen Freunde, Bekannte, selbst intellektuelle Gegner in Europa auf seine Fürsprache, damit auch sie dem Faschismus entkommen können. Stefan Zweig kommt nicht zur Ruhe und der Zuschauer auch nicht, denn Leute reden durcheinander, ohne dass sich Themen vertiefen. Auf diese Weise erfährt man nichts über die Entstehung der Autobiografie und kaum etwas über die Beziehungen. Zwar sind die Frauen, die Verleger da, aber man redet zwischen Tür und Angel und wie es in Zweig aussieht, verrät nur ein gelegentlich abwesender Blick oder sein Wort von der "schwarzen Leber", die ihn plage.

Der Kabarettist Josef Hader verleiht Zweig weiche Züge. Aber von einem wirklichen Schauspiel ist auch in den anderen Rollen wenig zu sehen, es gibt keine nonverbale Kommunikation. Eine Fülle inhaltsarmer Szenen schluckt jeden Sinn, wie jene, in der Hader einen Hund liebkost. Die Kamera springt von Person zu Person, ohne einen Gesamtüberblick zu erlauben. Es irritiert, wenn der Ton unberührt davon bleibt, ob sich die Sprechenden entfernen oder wieder nähern. Dies ist ein TV-Film, eine Fingerübung, aber kein Kinodrama, das eine Atmosphäre erzeugt und sein großes Thema ernsthaft umarmt.

Fazit: Stefan Zweigs Jahre im Exil waren, will man diesem episodenhaften Drama glauben, oft purer Stress aufgrund von Repräsentationsterminen und Fürsprachen für europäische Intellektuelle, die dem Naziregime entkommen wollten. Regisseurin Maria Schrader erzählt davon im Stil eines Fernsehfilms, der den Charakteren, der Atmosphäre und Vorstellungskraft vor lauter lärmender Geschäftigkeit keinen angemessenen Raum eröffnet.







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