VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Eine unerhörte Frau
Eine unerhörte Frau
© Central Film © Wild Bunch

Kritik: Eine unerhörte Frau (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Regisseur Hans Steinbichler ("Hierankl", "Winterreise") fügt seiner Liste realitätsnaher Psychodramen ein weiteres überzeugendes Exemplar hinzu. Es basiert auf der wahren Geschichte von Angelika Nachtmann, einer Mutter, die jahrelang hilflos zusehen musste, wie ihre Tochter schwächer und kränker wurde. Schließlich verklagte sie die Klinik, die die richtige Diagnose schon wesentlich früher hätte stellen müssen. Frau Nachtmann hat ihren Kampf um das Leben ihrer Tochter in dem Buch "Nicht gehört – fast zerstört" geschildert. Steinbichlers Drama entfaltet eine ungeheure, aufwühlende Dynamik. Es demonstriert, wie allein sich eine einfache Frau fühlen muss, die von dünkelhaften Ärzten abgewimmelt wird. Das ist ein Stoff, wie er eben nicht ohne Grund durch die Albträume vieler Eltern geistert.

Zunächst lässt sich das Drama jedoch sperrig und schleppend an. Steinbichler springt in kurzen Szenen zu ganz verschiedenen Schauplätzen, die die Orientierung und die Annäherung an die Figuren erschweren. Mal spricht Hanni als Klägerin vor einem Münchner Gericht, dann zeigen sie kurze Rückblenden als glückliche Familienmutter im Sonnenlicht. Und dann wieder steht Hanni als Mädchen vor einem Richter und sagt gegen den Willen ihrer Mutter aus, dass sie brutal vergewaltigt wurde. Zwar beruht auch dieser Erzählstrang auf der Biografie der Buchautorin, aber dem Film beschert er eher ein Übermaß an Problemen. Lange ist man als Zuschauer damit beschäftigt, die parallelen Erzählstränge aus Hannis Kindheit und ihrem Leben als Mutter irgendwie in Verbindung zu bringen.

Aber dann passiert etwas Verblüffendes: Hannis Not als Mutter übernimmt allmählich die Regie und teilt sich gerade im täglichen Klein-Klein mit ansteckender Kraft mit. Rosalie Thomass spielt Hanni mit großer Natürlichkeit, auch als sie die Ehekrise, das zunehmende Siechtum des Kindes, die arroganten Beschwichtigungen der Ärzte an ihre Grenzen bringen. Hannis Erfahrung, dass ihre Suche nach Hilfe das Gegenteil bewirkt, bekommt kafkaeske Ausmaße und wenn sie dann endlich einem Medizinprofessor um den Hals fällt, fließen im Kinosaal garantiert Tränen. Selten gibt es Filme, die so authentisch und wuchtig vom elterlichen Bewusstsein, verletzbar zu sein, erzählen.

Fazit: Hans Steinbichlers neuer Film ist ein wirklich sehenswertes Drama, das einen mit Haut und Haar verschlingt. Obwohl die schnittintensive Dramaturgie mit ihren verschiedenen Schauplätzen und Zeiten etwas sperrig wirkt, vertieft sie sich mit zunehmender Kraft und Authentizität in die Not einer Mutter, die mit der Krankheit ihrer Tochter alleingelassen wird. Hauptdarstellerin Rosalie Thomass spielt diese psychische Odyssee fein nuanciert und mit bewegender Natürlichkeit.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.