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Mein Leben als Zucchini
Mein Leben als Zucchini
© 24 Bilder © polyband

Kritik: Mein Leben als Zucchini (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Das für den Oscar in der Kategorie Bester Animationsfilm nominierte Coming-of-Age-Drama eines kleinen Jungen ist nur 66 Minuten lang. Aber in dieser kurzen Zeit gelingt es dem schweizerischen Regisseur Claude Barras, eine dicht gewebte Geschichte zu erzählen, die gehaltvoller ist als viele doppelt so lange Spielfilme. Sie basiert auf dem Roman "Autobiografie einer Pflaume" von Gilles Paris, der sich mit seinen Schilderungen kindlicher Not vorwiegend an Erwachsene richtet. Die französische Filmemacherin Céline Sciamma ("Tomboy") nahm sich des Drehbuchs im Sinne von Barras an, der mit seinem Langfilmdebüt auch jüngere Zuschauer ansprechen wollte. So durchkreuzen den harten Realismus der aus kindlicher Perspektive erzählten Geschichte überall witzige und optimistische Töne. Das Ergebnis ist ein wirklich außergewöhnlicher, bewegender Animationsfilm, der trotz seiner gefühlten Leichtigkeit den Ernst des Themas nie verrät.

Am Beispiel von Zucchini und den anderen sechs Heimbewohnern erzählt der Film beispielhaft, welch schlimme Dinge Kindern widerfahren können. Familiäre Gewalt, Missbrauch, drogenabhängige oder psychisch kranke Eltern und Ähnliches haben ihre Spuren hinterlassen. Das Leben im Heim, das anders als so oft in Filmen positiv geschildert wird, gibt den Kindern allmählich etwas Halt. Diese Parallelität von Kummer und fröhlichen, unbeschwerten Momenten wirkt sehr realistisch. Die Mienen der Kinder werden oft lange betrachtet und wirken dann in ihrem Ernst auch neugierig und aufmerksam. Immer wieder sorgen die Worte der Kinder für Heiterkeit, vor allem auch, als sie sich in der Gruppe zusammenreimen, wie das mit der Liebe zwischen Mann und Frau geht. Die Freundschaft der Kinder untereinander stärkt ihre Zuversicht. Doch die Welt, die sie ausgestoßen hat, bleibt rätselhaft und zum Teil, wie sich an Camilles Beispiel zeigt, bedrohlich. Auch gute Erwachsene wie Raymond können nicht alles richten und nicht jedem Kind helfen.

Die handgefertigten Puppen mit ihren riesigen Köpfen und Augen, mit den Haaren aus gefärbtem Latexschaum bewegen sich in zuweilen sehr stilisiert wirkenden Kulissen. Indem vieles betont nach Bastelarbeit aussieht, taucht der Film auch visuell tief in die spielerische Vorstellungswelt der Kinder ein. Die Filmmusik von Sophie Hunger bleibt auch am Schluss traurig. Konsequent stellt der nachdenkliche Film die stumme Frage der Kinder nach dem Warum ins Zentrum, lässt sich aber auch von ihrer Hoffnung leiten.

Fazit: Dieser Animationsfilm von Claude Barras erzählt von vernachlässigten und traumatisierten Kindern, die in der Gemeinschaft eines Heims neuen Halt finden. Das ist ein schwerer und sehr ungewöhnlicher Stoff für das jüngere Publikum, aber indem er seinen Realismus aus der kindlichen Perspektive eines kleinen Jungen anpackt, reichert ihn der Film mit Humor und einem unwiderstehlichen Optimismus an. Großartig, wie hier mit einfachen Mitteln Einfühlung erzeugt und dramatische Tiefe erreicht wird.





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