O Brother, Where Art Thou? - Eine Mississippi-Odyssee
Userwertung 10/10
O Brother, Where Art Thou?
In den 30er Jahren sind im amerikanischen Süden drei Kettensträflinge auf der Flucht vor dem Gesetz.
Inhalt
In den 30er Jahren sind im amerikanischen Süden drei Kettensträflinge auf der Flucht vor dem Gesetz. Der resolute Ulysses, der hitzköpfige Pete und der einfältige Delmare, auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet und somit einander ausgeliedert, erleben im Mississippi Delta eine Reihe von haarsträubenden und absurden Abenteuern. Sie begegnen u.a.: jeder Menge schießwütiger Ranger, einem nicht minder schießwütigen, ambitionierten aber auch depressiven Bankräuber, einem prügelnden Bibelverkäufer, wildgewordenen Wahlkämpfern, verführerischen Sirenen, Bluesmusikern, die ihre Seele dem Teufel verkauft haben, einer Massenveranstaltung des Ku-Klux-Klan usw. usf. Meist geht es von einer Bredouille direkt in die nächste, und es ist eher dem Glück als dem Verstand der Beteiligten zuzuschreiben, dass sie das Ganze recht unbeschadet überstehen, bis zur finalen Sintflut.
Die weltweit zuverlässigsten Lieferanten
geistreicher cinéastischer Feinkost waren in
den 90er Jahren die Brüder Joel und Ethan
Coen. Stets hatten sie ihre vielschichtigen
Geschichten mit gradlinigen Plots versehen
und diese in z.T. recht kuriose Genrezwitter
gekleidet. Mannigfaltig waren dabei die
Verbeugungen der versierten Kenner der
Filmgeschichte gerade vor dem klassischen
Hollywoodkino. Zitieren ist für Cinéasten wie
die Coens dabei gewissermaßen
Ehrensache, kopieren gleichwohl verpönt für
die überzeugten Independent-Regisseure.
Ihre bisherigen acht Filme sind ausnahmslos
Meisterwerke, denen allein ihre gelegentlich
kalte Perfektion hin und wieder vorgeworfen
wurde. Vor allem auf die bislang einzige
Großproduktion der Coens, " Hudsucker",
mag dies zutreffen. Und in gewisser Weise
gilt es auch dem neuesten Streich der Brüder.
"O Brother, Where Art Thou?" ist ein Film von
erlesener Schönheit. Grandiose Bilder in
Cinémascope und eine gewohnt virtuose
Inszenierung vermitteln fast so etwas wie eine
Lehrstunde in Sachen Geschichtenerzählen in
bewegten Bildern. Aber irgendwie ist es
genau diese atemberaubende Perfektion, das
absolut lückenlos korrespondierende
Ineinandergreifen des gesamten
filmsprachlichen Vokabulars, die eine Barriere
schafft und auf Distanz hält. Das
bewundernde Staunen über diesen in vielerlei
Hinsicht sagenhaften Film konstituiert sich
allein im Kopf des Zuschauers, sein Herz wird
kaum angesprochen.
Dabei ist "O Brother..." ein zum Brüllen
komischer Film. Erzählt wird eine freie Version
von Homers Odyssee. Bei den Coen Brüdern
ist es eine skurrile Reise durch die Mythen
des amerikanischen Südens. Unterwegs
sind, in den 30er Jahren zur Zeit der
Depression, drei Kettensträflinge auf der
Flucht vor dem Gesetz. Die einzelnen
Stationen der Flucht, jeweils Episoden in
denen auf das köstlichste die Mythen der
Südstaaten veralbert werden, sind mit einer
unglaublichen Fülle stimmiger Gags
ausgestattet. Das Manko von "O Brother..."
besteht wohl darin, dass der Film ein wenig in
seine einzelnen Sequenzen zerfällt. Dass der
große erzählerische Bogen fehlt, mag u.U. an
gravierenden Kürzungen liegen. Man hat
teilweise den Eindruck, die vorliegende
Kinofassung, wäre eher die
Aneinanderreihung der Highlights eines viel
längeren Films. Aber trotz derlei
Einschränkungen bleibt "O Brother..." ein
Musterbeispiel für intelligente Unterhaltung
auf höchstem Niveau und, nicht zu vergessen,
mit famosen Darstellern.
Thomas
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Filme von Joel und Ethan Coen sind meist so
bizarr und einzigartig wie ihre Titel. "O Brother,
Where Art Thou" ist da keine Ausnahme – die
Anspielung auf Preston Sturges "Sullivans
Reisen" ist für deutsche Titelschmieden
einfach nicht zu übersetzen. Homers Odyssee
als Vorlage für eine lose, mit vielen Filmzitaten
gespickte Anthologie – gerade solche
Unvereinbarkeiten sind die Hauptinspiration
der Coens ("The Big Lebowski"), die sich hier
zwanglos auf eine absurde Reise mit
absurden Zwischenstopps begeben.
Neben George Clooney (mit Bleistiftbärtchen
und Pomadenhaar) feiern die Fans ein
Wiedersehen mit den üblichen Verdächtigen,
die jeden Film der Coen-Brüder zieren.
Anhänger ihrer früheren vertrackten
Kriminalkonstrukte werden diesmal jedoch
enttäuscht: Die amüsanten Episoden sind an
eine Handlung angebunden, die diesen
Namen eigentlich nicht verdient. Der Zufall
führt Regie – dazwischen liegt viel Zeit zum
Trödeln, Schmunzeln und Wohlfühlen.
Die ausgefeilte Optik, farblich dezent
ausgebleicht, bannt das weite Land des
Südens auf die Leinwand. Dessen
Lebensrhythmus spiegelt sich im Tempo
dieses Streifens wider, in zahlreichen Details
und in der musikalischen Mixtur aus Soul,
Country und Bluegrass, die Clooney, Nelson
und Turturro lippensynchron zum Besten
geben. Mit ihrer altgriechischen
Südstaaten-Exkursion haben die Coens ihren
ersten Feel-Good-Streifen abgeliefert. Aber
gerade das ist diesmal die Entdeckung.
Fazit: Chain-Gang-Odyssee: entrückte,
zitatenreiche Reise in die Südstaaten der
großen Depression – mit dem besonderen
Humor der Coen-Brüder.