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Kritik: Schnee, der auf Zedern fällt (1999)


Mit Literaturverfilmungen ist es ja so eine Sache: Gerade wenn sie sich besonders ambitioniert geben, um nur ja mit der Vorlage Schritt halten zu können, schießen sie gerne übers Ziel hinaus. Schlechtes Beispiel hierfür: Alan Parkers Filmversion von "Die Asche meiner Mutter". Hier werden die Bilder, die sich bei der Lektüre des eindrucksvollen Romans in den Köpfen der Leser konstituiert haben, relativiert bzw. sogar zerstört. Dergleichen filmischer Umgang mit Literatur ist überflüssig bis ärgerlich. Dass es auch anders geht, zeigt geradezu exemplarisch Scott Hicks’ Verfilmung von David Gutersons vielschichtigem Roman "Schnee der auf Zedern fällt". Der Oscarperisträger ("Shine") hat das Kunststück fertiggebracht, ein absolut kongeniales Werk zu schaffen. Selten wurde der Geist eines Buches so famos und virtuos in eine Filmerzählung eingebettet und umgewandelt.

Für die, die das Buch nicht kennen, hier ein paar Sätze zum Inhalt: Bei einer kleinen Insel vor der nordamerikanischen Küste wird kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Fischer tot aus seinem Netz gezogen. Ein Kollege von ihm wird des Mordes angeklagt und vor Gericht gestellt. Der vermeintliche Täter ist Amerikaner japanischer Abstammung, und das macht die Angelegenheit wesentlich schwieriger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Um so mehr, als auch ein junger Zeitungsreporter persönlich in die Sache involviert ist. Tatsächlich erweist sich die Frage nach Schuld oder Unschuld im Zusammenhang mit dem Toten schon bald als eher zweitrangig. Im Vordergrund steht das Verhältnis von amerikanischer Bevölkerung und japanischen Einwanderern. Nach dem Angriff auf Pearl Habour ist das Zusammenleben der Bevölkerungsgruppen auf der kleinen Insel (und nicht nur dort) nämlich von Anfeindungen und Misstrauen gekennzeichnet. Den ohnehin grassierenden Rassenvorurteilen wird weiterer Zündstoff geliefert, als die japanisch-stämmigen Amerikaner in Lagern interniert werden.

Der erzählerische Fokus des Films ist die Verhandlung gegen den Japaner. Allerdings ist "Schnee der auf Zedern fällt" alles andere als ein gradliniger Gerichtsfilm. Das Courtroom-Drama (eigentlich in Hollywood ein ungeliebtes Genre) bildet nur das vage Gerüst für eine Fülle von Rückblenden auf verschiedenen Zeitebenen. Doch nicht nur die kunstvolle Verschachtelung der Geschichte ist einzigartig. Die suggestive Bildsprache und der meditative Tonfall dieses Meisterwerks nehmen vom ersten Moment an gefangen. In der Folge nimmt sich der Film alle Zeit der Welt, immer neue Mosaiksteinchen zu einem komplexen Bild hinzuzufügen, das von Liebe, Verlust, von Vorurteilen, Rassismus und nicht zuletzt vom Erwachsenwerden erzählt. Trotz dieser Fülle von Motiven wirkt der Film aber an keiner Stelle überfrachtet. Von seiner kontemplativen Kraft und den immer wieder fast überwältigenden Bildern ist Hicks Film übrigens in Teilen durchaus mit Terence Malicks Jahrhundertwerk "Der schmale Grat" vergleichbar. Zu recht ist die einmal mehr innovative Kameraarbeit von Robert Richardson mit einer Oscarnominierung belohnt worden. Im Ganzen ist "Schnee der auf Zedern fällt" ein intellektueller Hochgenuss, der gleichermaßen zutiefst anrührt und somit lange nachwirkt.





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