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Deep Blue Sea
Deep Blue Sea
© Warner Bros.

Kritik: Deep Blue Sea (1999)


Hai Society: Nur Fischfutter ist die bunt zusammengewürfelte Crew des modernen Tiefseelabors, und Renny Harlin, der aus Finnland stammende Action-Regisseur ("Stirb langsam 2"), verwandelt die Kulisse in ein schwimmendes Gefängnis, in dem die Menschen den blutgierigen Bestien hilflos ausgeliefert sind. Der Film hält sich nicht lange mit der Einführung der Charaktere auf: Statt dessen gibt es Action, Thrills und ganz viel Blut.

Kleine Fische: Zumindest auf den ersten Blick ist "Deep Blue Sea" also ein ganz normaler Monsterfilm, der gar nicht erst verbergen will, dass er ein Bastard ist aus "Aliens" und "Jurassic Park", "Abyss" und Steven Spielbergs Klassiker "Der weiße Hai". Gerade das macht "Deep Blue Sea" ja zum Vergnügen: Der routinierte Filmemacher kennt die Erwartungen des Publikums – und spielt mit ihnen.

Flossen hoch: Natürlich folgen auch die hoch intelligenten Monsterhaie dieses Streifens den Klischees und Schemata von Hollywood – trotzdem ist dieser Film ein Musterbeispiel für solides Popcorn-Kino. Und mittendrin befreit sich Harlin für ein paar Momente aus den Genre-Fesseln, um uns, das abgebrühte Publikum, auf originelle Weise dranzukriegen.




--Beißer ohne viel Biss--

Anfang dieses Jahrzehnts war Renny Harlin in Hollywood sehr gefragt. Er galt als einer der Actionregisseure zweiter Garde. Die erste Garde, alleinig durch James Cameron verkörpert, definierte das Genre neu, vollführte mit Filmen wie 'Aliens' und 'The Terminator' große Bögen zwischen Endzeitvision und Actionspektakel. Harlin dagegen galt zusammen mit John McTiernan als herausragender Handwerker, der Kinetik auf der Leinwand explodieren lassen konnte, dabei aber immer auf fremde Drehbücher setzte. In den späten 90ern kam dann ein tiefer Sturz. Nicht, dass Harlins Filme irgendwie schlechter waren, nur die Themen kamen nicht mehr so sehr an. Der Tiefpunkt war mit der Klabauter-Ballade 'Die Piratenbraut' erreicht. Mit 'Deep Blue Sea' möchte er sich nun beim Publikum, an dessen Geschmack er äußerst mutig vorbeidrehte, wieder rehabilitieren.

Der Film öffnet mit einer eher augenzwinkernden Hommage an 'Der weiße Hai'. Zwei junge Pärchen haben sich auf ihrem Boot weit auf die See abgesetzt, um hier in aller Ruhe vergnüglichen Seiten der Zweisamkeit nachzugehen. Natürlich haben sie nicht mit dem riesigen Hai gerechnet, der sich aufmacht, zuerst das Radio und dann den Schiffsrumpf in seine Bestandteile aufzulösen.
Diese Momente wirken wie eine Montage aus zwei herausragenden Szenen des Spielberg-Klassikers. Zum einen finden wir hier eine ähnliche Situation, wie bei dessen Beginn, als ahnungslose Jugendliche von einer Party aus ins Meer schwimmen gingen. Dazu mischt sich aber der erste aggressive Angriff des Hais auf Quints Boot im letzten Drittel des Films, der dort auch den Rumpf aufstößt.
Der Unterschied zum Horrorklassiker zeigt sich aber schnell. Denn hier kommt im letzten Moment noch der große Held und nimmt sein Monster an die Harpunenleine. Viel Lärm um recht wenig.

Die Story ist natürlich nebensächlich. Sie dient allenfalls dazu, die Figuren in ihre prekäre Lage zu manövrieren. Nach dem oben beschriebenen Unfall, will der multimillionenschwere Menschenfreund Russell Franklin seine milden Gaben für die Heimat des Hais einstellen. Dieser ist nämlich das Projekt einer Forschungsstation, die auf dem Meer Haie genetisch manipuliert. Die Forscherin Dr. Susan McAlester will hier ein Mittel in den vergrößerten Gehirnen der Fische finden, dass Krankheiten wie Alzheimer endgültig besiegen soll. Sie kann den Millionär noch gerade dazu überreden, sich ein Bild von den Forschungsständen zu machen und dabei gleich die schwimmenden Laboratorien zu besichtigen. Dieser stimmt zu, und schon bald befinden sich die beiden auf hoher See. Da Wochenende ist, fahren die meisten Mitarbeiter nach Hause. Nur zwei Forscher, ein Techniker, der Koch, die Funkerin und der Haiexperte bleiben mit an Bord. Ein dicker (dramaturgischer?) Sturm lässt die kleine Gruppe nun vollkommen von der Außenwelt abgeschlossen zurück. Als sie sich in einem der tief unter Wasser aufgebauten Labors befinden, schlagen plötzlich die drei genetisch veränderten Haie zurück. Sie setzen die Station unter Wasser und beginnen mit der Jagd auf die eingeschlossenen Menschen.

Ab hier ist nun, wie man sich leicht denken kann, Action angesagt. Der Film verlässt den hohen Namen als 90er-Jahre Version von 'Der weiße Hai' und wendet sich, ganz dem zweiteiligen Mischungsprinzip der Anfangsszene folgend, zwei ganz anderen Filmmeisterwerken zu. Er verwendet das Prinzip von 'Alien', wo ein außerirdisches Wesen eine waffenlose Crew durch die Gänge ihres Raumschiffes hetzte, und vermengt es mit den Actionszenen aus 'Titanic', als die Wassermassen Rose und Jack unter Deck überraschen.

Dennoch erreicht der Film in keinem Moment die Spannung dieser beiden Filme. Er schafft es nicht, die Figuren so darzustellen, dass man im Zuschauerraum mit ihnen fühlt und Sorgen teilt. Wir sitzen als reine Voyeure weit abseits vom Geschehen. Gerade einmal der Koch Sherman Dudley, gespielt von dem Rapper LL Cool J, schafft es, den Zuschauer mit einzubeziehen. Er ist als einziger wirklich unschuldig und somit ein Opfer, dem wir den Tod nicht gönnen. Der Muskelheld, die Wissenschaftlerin...sie sind egal. Dudley aber ist das emotionale Zentrum in der Materialschlacht. Er bringt nicht nur Spannung, sondern sogar etwas Humor in den Film. Bei seinem Kampf in der Küche stockt dann doch der Atem.

An dieser Szene läßt sich auch die Stärke von Harlins Film ablesen. Dudley setzt dem wuchtigen Riesenhai Intelligenz entgegen. Konzentrierten sich die meisten Actionfilme der letzten Zeit vor allem auf die Kraft des Helden und ließen im Notfall mal das Glück mit einfließen, sind die Figuren in 'Deep Blue Sea' kräftemäßig völlig unterlegen. Sie überleben (wenn überhaupt) nur mit ihrer strategischen Überlegenheit. Alleine dadurch hebt sich 'Deep Blue Sea' schon von den anderen Actionfilmen der letzten Monate ab. Dazu ist Renny Harlin auch als Regisseur fähig genug, Kinetik auf die Leinwand zu übertragen, etwas, was die meisten Action-Regisseure in den 90ern vermissen lassen. Damit lässt er sogar die zeitweise mäßigen Effekte wieder in Vergessenheit geraten.

So kann 'Deep Blue Sea' recht gut unterhalten. Er ist mit etwas über 100 Minuten genau so lang, wie ein Unterhaltungsfilm sein sollte und bietet weniger spannende, aber dennoch zumeist mitreißende Unterhaltung. Mit wirklich guten Filmen des Genres kann er freilich nicht mithalten, dafür ist er dann doch zu formelhaft und vorhersehbar. Vor allem die Reihenfolge der Tode ist schon gut an der Besetzungsliste abzulesen. Und auch das Drehbuch bietet mit eher madigen Dialogen und einer kaum vorhandenen Stringenz mehr oder weniger nur die abgehackten Übergänge zur nächsten Actionszene und bereitet ein paar gelungene Schocks vor. Aber dafür hat 'Deep Blue Sea' endlich mal wieder eine Explosion, die durch ihre Wucht und ihre Einpassung wirklich funktioniert. Das ist doch auch mal etwas.




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