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Ein Lied von Liebe und Tod - Gloomy Sunday
Ein Lied von Liebe und Tod - Gloomy Sunday
© Universal

Kritik: Ein Lied von Liebe und Tod - Gloomy Sunday (1990)


Fast jeder kennt sie, diese berühmte melancholische Melodie "Gloomy Sunday", die einen mit ihren Klagen von innen her zerreißt. Geschrieben wurde sie von Rezsö Seress im Jahre 1935. Es ist diese Melodie, die den neuen Film von Rolf Schübel zusammenhält. Der Film beruht dabei auf dem Roman "Das Lied vom traurigen Sonntag" von Nick Barkow.

Dennoch hat sich einiges zum Buch geändert. So gab es im Roman keine Liebesgeschichte, diese nimmt aber einen Hauptaspekt des Filmes ein. Gerade in der ersten Hälfte zieht "Gloomy Sunday" seine gesamte Kraft aus der Geschichte, die sich zwischen Laszlo, Andras und Ilona abspielt. Ilona bildet ein emotionales Zentrum des Begehrens um sich. Herausragend gespielt von Erika Marozsán, sieht man Ilona als eine liebende und geliebte Frau, die ihre Emotionen aber nicht zu fokusieren vermag. So sucht sie sich gleich zwei Liebhaber, den zurückhaltenden Lebemann und Restaurantbesitzer Laszlo und den gefühlsverzehrenden Musiker Andras. Alle treffen sie im Restaurant Lazlos aufeinander. Faszinierend ist hierbei, dass die Inbegriffe für Leidenschaft und Genuss zu einer explosiven Komposition zusammenfinden: Sexuelle Leidenschaft, Liebe, Musik und beste Cuisine.

Hier wird der Zuschauer mit hineingerissen, er erlebt die Zeit und die Emotionen aus nächster Nähe mit. Kein Wunder, zu diesem Zeitpunkt beweist sich Schübels neustes Werk als intensives Drama, welches sich auf seine Komponenten verlässt. Sowohl Kamera, als auch Ausstattung und Schauspiel bewegen sich auf höchstem Niveau. Mit seinen zeitweise atemberaubend prunkvollen Bildern braucht sich "Gloomy Sunday" nicht vor Hollywood zu verstecken! Dazu findet die Kamera immer die stimmigsten Aufnahmen, von der sicheren Bewegung durch das Restaurant bis zum dunklen, verliesartigen Raum einer Selbstmörderin. So baut die Handlung auf eine einzigartige Atmosphäre.

Leider bricht diese Qualität mit dem Aufkommen einer der schrecklichsten Fehler gerade des deutschen Kinos wieder in sich zusammen. Man kann sogar den Punkt des Abfalls feststellen: Setzte der Film in der ersten Hälfte noch auf Mittel wie Kamera und Musik, so zersetzt er sich zusehends in einfachem Dialog, der auch dem Letzten die Bedeutung des Gesehenen zu erklären versucht.
Das Lied, welches anfangs noch diese wundersame Wirkung auf die Zuhörer entwickelte -sie begangen Selbstmord- war das Zentrum. Hier entwickelte man eine interessante Bindung zu dem Stück, welches wirklich in den 30er Jahren zu eine Reihe von Selbstmorden führte. Man konnte es sogar nachvollziehen!
Nun, an dieser Stelle des Filmes, die zu einer fast diametralen Zweiteilung führt, macht sich Joachim Krol auf, eben diese Wirkung in Worte zu packen. Warum hat das deutsche Kino nur immer wieder diesen Hang zum Theater? Wozu die Worte, wenn doch das Bild und der Ton genügen würden?

Ab diesem Punkt – hier schafft Krol es noch nicht, den Sinn des Liedes zu offenbaren, später aber leider heißt es, er könne es doch - wendet sich die Story immer mehr der Bedrohung durch die Nazis zu. Auch hier greift Schübel auf altgediente Mittel des deutschen intellektuellen Kinos zurück und bringt sich immer mehr in Verlegenheit. Denn hier findet er nur noch die Klischees vom bösen SS-Offizier, die er eigentlich nicht gebraucht hätte. Es ist dem grandiosen Ben Becker zu verdanken, daß diese Figur noch Konturen bekommt.

Es ist allgemein allen Schauspielern zu verdanken, dass der Film am Ende aber doch noch sehenswert bleibt. Auch die Probleme des zweiten Teils, einer Nazi-Geschichte von der Stange, kann die Qualitäten, die der furiose Beginn mit sich brachte, nicht ganz auflösen. Es bleibt das Lied, das – obwohl durch die Worte des Drehbuchs auf einen billigen Aspekt reduziert - immer noch Wirkung zeigt. Hinzu kommt ein Aspekt, der wohl kaum geplant war: Durch die Fehler, die Musik und somit auch die Emotionen in Worte zu verpacken, entwickelt der Film einen lehrreichen Restsatz, der uns zeigt, wieso Musik für sich selbst existiert, warum wir sie immer als eines der faszinierenden Mysterien betrachten sollten. Sie ist unsere Gefühlswelt, hörbar. Kein Wort vermag dies auszudrücken. Mit diesem Fehler beweist dieser Film, warum Kino eine Kunstform ist, die eben nicht nur ein Abklatsch vom Theater darstellt. Es stellt sich aus so verschiedenen Kunstformen zusammen, dass es wie kein anderes ein Gesamtbild unserer selbst erzeugen kann.




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