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Kritik: Der große Bagarozy (1999)


Tod und Teufel: Bei Martin Brest war es Brad Pitt, bei Eichinger ist es Til Schweiger: Der wandelt in "Der große Bagarozy" als Leibhaftiger auf Erden und hat nichts Besseres zu tun, als sich in psychotherapeutische Behandlung zu begeben.

Wie bitte? Gemach, es kommt noch besser: Bernd Eichinger, privat ein großer Callas-Fan, huldigt in seinem Kinofilm-Regiedebüt der Sängerin, indem er Schweiger, der sich ja für den Teufel hält, zu einem ihrer Groupies macht, der an der künstlerischen Unsterblichkeit der Opernsängerin zu zerbrechen droht. Corinna Harfouch alias Cora Dulz soll dem gestörten Höllenfürsten helfen und ist von dessen Aura derart fasziniert, dass dabei ihre eigene Ehe in Gefahr gerät.

Fest steht: "Der große Bagarozy" ist ein großer Film – und etwas anderes haben wir von Bernd Eichinger auch nicht erwartet. Ein komplizierter Film zudem: mit vielen Zeit- und Handlungsebenen, die sich immer wieder kreuzen. Ein Film, der sich auch streckenweise selbstverliebt in Hinweisen und Andeutungen ergeht – bis man als Zuschauer am Ende nicht mehr weiß, was eigentlich Sache ist.

Dennoch: Dass dieser Film auch Längen hat, liegt an den Dialogen, die umständlich mit Worten etwas erklären wollen, das visuell viel eindrucksvoller, packender und stimmiger darzustellen gewesen wäre. Doch Eichinger ist nicht nur Regisseur und Drehbuchautor, sondern auch Produzent: Er achtete ganz ohne Zweifel selbst darauf, dass das Budget für teure Bilder hier nicht überschritten wurde.

Dass dieser Film es Eichinger nicht einfach machte, liegt auf der Hand: Das Werk basiert auf einem Romanfragment von Helmut Krausser ("Fette Welt"), und das galt eigentlich als unverfilmbar. Und so hielt sich der Regisseur auch nur zum Teil an Kraussers Buchvorlage – der Schluss des Films wurde vollständig neu gestaltet. Es folgten Nachdrehs, Umschnitte und Testvorführungen, um eine stimmige Struktur zu finden. Der Input von Regie-Kollegen wurde eingeholt, und irgendwann war es dann wohl so weit: "Der große Bagarozy" war geboren.

Dass dabei ausgerechnet Schnodderschnauze Schweiger den Leibhaftigen verkörpert, ist schon kurios, jedoch: Es hätte schlimmer kommen können. Auch Schweigers Kritikern fällt es schließlich nicht schwer, den deutschen Leinwandstar, der bisher immer nur sich selber spielen musste, als Ausgeburt der Hölle anzusehen. Corinna Harfouch freilich spielt ihn einfach an die Wand und ist der eigentliche Grund dafür, sich diesen Film im Kino anzusehen.

Eichingers erste eigene Kinoarbeit ist unterm Strich ein Lichtblick in der eher tristen Welt des deutschen Films: ein Werk, das sich ganz offensichtlich übernimmt, und trotzdem irgendwie die Kurve kriegt. Die meisten anderen deutschen Filme wagen nichts und scheitern dennoch kläglich.

Der Teufel liegt halt im Detail.
Til Schweiger als Charaktermime? Undenkbar, das ist nichts neues. Trotzdem setzt Bernd Eichinger in seinem Kinoregiedebüt auf den untalentierten Kölner Star. Aber an Schweiger liegt es nicht, dass das ehrgeizige Projekt ein teurer Anti-Film geworden ist.

Aus der anspruchsvollen und ambivalenten Vorlage von Helmut Krausser macht Erfolgsproduzent Eichinger ("Der Name der Rose", "Fräulein Smillas gespür für Schnee") ein "großen Kinofilm" in Hollywood-Manier, der einem drastisch vor Augen führt, dass ein guter Produzent noch lange kein guter Regisseur sein muss. Sexistisch, platt und unsensibel behandelt Eichinger die 1998 erschienene Romanvorlage. Als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion kann er weder die beiden von Til Schweiger zusammengehaltenen Handlungsstränge bändigen, noch hat er den Mut, das verstörende Original-Ende zu übernehmen. Durch das Schweigers steifes Geplapper geht dann jegliche Glaubwürdigkeit den Bach runter, von Chemie zwischen ihm und einer sich tief unter Wert verkaufenden Harfouch ganz zu schweigen.

Alle vorhandenen Ambitionen der Schauspieler, das umfangreiche Potential der Geschichte, die finanzielle paradiesischen Bedingungen und die Riege technisch versierter Profis hinter der Kamera kann Eichinger nicht in eine goutierbare Form gießen. Ergebnis ist ein Trümmerhaufen, bei dem hin und wieder Teile zusammenpassen und einen flüchtigen Eindruck von dem vermitteln, was möglich gewesen wäre.

Mal Psychothriller, mal Charakterdrama, gleichzeitig Hommage an die Oper-Diva Maria Callas und auch noch schwarzhumorige Komödie – "Der große Bagarozy" will alles sein, und ist letztlich weder Fisch noch Fleisch. Dank Kameramann Gernot Roll gelingen wenigstens einige optisch fesselnde Einstellungen, zum Beispiel in einem nächtlichen Kaufhausbesuch. Sich aber Gott und Teufel – in dieser Reihenfolge – als weißen und schwarzen Pudel vorzustellen, ist grausam. Wirklich.





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