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Taking Sides - Der Fall Furtwängler
Taking Sides - Der Fall Furtwängler
© Alamode Film

Kritik: Taking Sides - Der Fall Furtwängler (2001)


Der Ungar Istvan Szabo ist schon seit vielen Jahren einer der europäischen Regisseure, die von einem Thema nicht lassen können: Wie verhält sich das Individuum gegenüber den Verführungen und Drohungen der Staatsgewalt? Da sich diese Frage in der europäischen Geschichte besonders exemplarisch am Thema des deutschen Nationalsozialismus untersuchen lässt, greift Szabo mit Vorliebe auf Figuren dieses Zeitabschnitts zurück. So drehte sich "Mephisto" von 1981 um den deutschen Schauspieler Gustav Gründgens und sein ambivalentes Verhältnis zu den braunen Machthabern, "Hanussen" von 1988 beschäftigte sich mit dem Magier und dessen parallelen Aufstieg zu dem Hitlers. Auch "Sunshine" von 1999 handelte von den Anpassungsversuchen dreier Generationen einer jüdischen Familie an Kaiserreich, Nationalsozialismus und Kommunismus. Mit dem in Deutschland gedrehten Drama "Taking Sides" hat Szabo nun erstmals nicht sein eigenes Drehbuch verfilmt, sondern den britischen Theaterautoren Ronald Harwood sein Bühnenstück selbst adaptieren lassen. Was den Filmemacher an dem Stoff gereizt hat, liegt schnell auf der Hand: Wieder geht es um die Frage der Verführbarkeit der Macht, diesmal anhand der Person des Dirigenten Wilhelm Furtwängler entwickelt. Der brillante Dirigent war im Dritten Reich geblieben und galt als "Hitlers Kapellmeister". Belegt ist aber auch, dass er zahlreichen Juden das Leben rettete. War Furtwängler ein Nazi, ein Kollaborateur, ein Mitläufer oder ein Widerständler? Diese Frage soll im Berlin der unmittelbaren Nachkriegszeit der amerikanische Major Steve Arnold klären und mit ihm Szabo und sein Film. Dabei ist Arnold von seinem Vorgesetzen allerdings aufgetragen worden, möglichst das Ergebnis zu erzielen, den Prominenten als Nazi zu entlarven und damit ein Berufsverbot zu erwirken. Man möchte Exempel statuieren, und die Ignoranz, Überheblichkeit und Ungehobeltheit des Amerikaners, die sich in seinen Ansichten und seinem Verhalten gegenüber Furtwängler widerspiegelt, ist im Licht der aktuellen Ereignisse in der Welt entlarvend. Für Arnold ist der Musiker ein "Bandleader" und "Hitlers Kumpel". Furtwängler verteidigt sich, er habe sein Land nicht verlassen und im Stich lassen wollen, sondern mit seiner Kunst Widerstand leisten wollen. Das Angenehme an "Taking Sides" ist, dass er tatsächlich beide Seiten einnimmt und nicht eindeutig Stellung bezieht. Beide Standpunkte werden durch die Dialoge ausreichend beleuchtet und erhellt, und es bleibt dem Zuschauer überlassen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Nur ganz am Ende lässt Szabo mit einer historischen Aufnahme von Furtwängler erkennen, wo seine Sympathien liegen. Dass dem Film ein Theaterstück zu Grunde liegt, merkt man an der Dialoglastigkeit, wenn sich der Regisseur auch erfolgreich Mühe gibt, den Streifen aufzulockern, indem er auch Szenen jenseits des Verhörzimmers in Berlin einsetzt. Ein Glück für Szabo und den Zuschauer ist dabei, dass Harwoods Dialoge so pointiert, scharfsinnig und oft witzig ausgefallen sind, dass es ein Genuss ist zuzuhören. Und dank der hervorragenden Hauptdarsteller Harvey Keitel und Stellan Skarsgard ist es ein eben solcher Genuss zuzusehen. Keitel verleiht seiner Figur eine draufgängerische Bauernschläue, die nicht unsympathisch ist, und Skarsgard gibt Furtwängler etwas von einer tragischen Größe. Auch die deutschsprachigen Akteure wie Birgit Minichmayr, Moritz Bleibtreu, Ulrich Tukur und Armin Rohde bieten gute Leistungen, so dass man von einer gelungenen Ensembleleistung sprechen kann, die das Interesse an der Handlung nie erlahmen lässt. Wenn auch das Ende recht anti-klimaktisch ist, so überzeugt "Taking Sides" durch intelligente, zum Nachdenken anregende Unterhaltung, die einen überzeugenden Blick auf die politischen und moralischen Verwerfungen der Nazi- wie auch der Nachkriegszeit wirft, der allgemein gültig bleibt.





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