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Irreversibel - Straight Cut
Irreversibel - Straight Cut
© Alamode Film

Kritik: Irreversibel - Straight Cut (2002)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Im Mai 2002 feierte Gaspar Noés experimenteller Thriller "Irréversible" seine Premiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes, ehe er nach diversen weiteren Festivalstationen im September 2003 in die deutschen Kinos kam. Das Werk erzählt die Geschichte einer Vergewaltigung sowie der anschließenden Rache – jedoch in umgekehrter Chronologie. Die Heftigkeit und Brutalität des Films wurde damals kontrovers aufgenommen; so wurde Noé unter anderem Voyeurismus und selbstzweckhafte Provokation vorgeworfen. Nun erscheint "Irréversible" restauriert und in einer neuen Fassung als Straight Cut, der die Geschehnisse in chronologische Reihenfolge bringt.

Jene Version war ursprünglich nur als Blu-ray-Bonusmaterial vorgesehen; Noé empfand die "umgekehrte" Fassung allerdings als stark genug, um sie eigenständig zu präsentieren. Tatsächlich hat dieses Vorgehen einen großen Reiz. Die idyllische Sequenz mit dem satten grünen Rasen, dem Wassersprenger, den spielenden Kindern und der ruhenden Monica Bellucci als Protagonistin Alex steht jetzt am Beginn – und kann somit in ihrer Schönheit anders wahrgenommen werden als zuvor, da das gezeigte Paradies in dieser Fassung noch nicht vergiftet und zerstört wurde. Auch das neckische Liebesspiel zwischen Alex und Marcus sowie die Gespräche über Sex, die das Paar mit Alex' Ex-Freund Pierre führt, und die urbanen Bilder in der Pariser Métro und auf der Hausparty können mehr genossen werden. "Ich hab' geträumt …", lautet in der neuen Version der erste gesprochene Satz – und der geschilderte Traum ist nun eine leise, böse Vorahnung in einer noch intakten Welt. Während in der Version aus dem Jahre 2002 der Zorn und der Hass direkt über das Publikum hereinbrachen, verdeutlicht die neue Schnittfassung den tragischen Fall des zentralen Figurentrios.

Die Stärken des Films – etwa die Leistungen der Stars Monica Bellucci ("Pakt der Wölfe"), Vincent Cassel ("Die purpurnen Flüsse") und Albert Dupontel ("Das Leben: Eine Lüge") und der virtuose Umgang mit der Kamera – kommen erneut zum Tragen; die Schwächen, insbesondere der allzu exzessive Gewalteinsatz, bleiben indes ebenso bestehen. Als kinematografisches Experiment ist der präsentierte Straight Cut in jedem Fall ein interessantes Unterfangen, das neu über ein umstrittenes Werk nachdenken lässt.

Fazit: Ein drastischer, hingebungsvoll gespielter Film in einer neuen Version, die zu spannungsreichen Reflexionen über die Wirkungsweise von Dramaturgie anregt.




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