VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Die Päpstin
Die Päpstin
© 2009 Constantin Film Verleih GmbH

Kritik: Die Päpstin (2009)


Mit dem Namen Sönke Wortmann assoziiert man nicht gleich opulente Historienepen. Spontan denkt man eher an Filme wie "Das Wunder von Bern", "Ein Sommermärchen" oder aktuell das Sportler- und Coming-of-Age-Drama "Hangtime". Doch den deutschen Regisseur und Produzenten schien die literarische Vorlage gereizt zu haben. Allein in Deutschland verkaufte sich schließlich der gleichnamige Weltbestseller, aus der Feder der Autorin Donna Woolfolk Cross, als Buch oder Hörbuch über fünf Millionen Mal. Die Faszination, welche die Geschichte ausstrahlt, lässt sich nicht allein anhand der allgemeinen Beliebtheit historischer Romane begründen: Vielmehr ist es dieses gewagte Spiel mit der Idee einer Möglichkeit, welche die Fundamente der größten christlichen Institution ins Wanken bringen könnte, dass viele Menschen einfach daran teilhaben wollen. Es wäre ja auch ein zu dolles Ding, wenn es denn wahr wäre. Man stelle sich vor: Eine Frau als Oberhaupt der Katholischen Kirche! Dass der Wahrheitsgehalt dieser Spekulation angezweifelt wird, sollte nicht verwundern. Das Für und Wider der Diskussion sei an dieser Stelle aber ausgespart.

Im Jahre 814 kommt Johanna zur Welt. Ein aufgewecktes, blitzgescheites und überaus lernwilliges Mädchen. Doch es ist keine gute Zeit für Frauen. Wir befinden uns im tiefsten Mittelalter; es herrscht striktes Patriarchat und dort hat natürlich auch nur Adel und Klerus etwas zu sagen. Schreiben und Lesen lernen natürlich nur Männer; die Frauen sind selbstverständlich viel zu dumm dazu. Die Bibel gibt’s nur in Latein; irgendwie scheinen sich alle darauf verständigt zu haben, dass dies Gottes Sprache ist, auch wenn die erste europäische Fassung der Bibel in Altgriechisch entstand.

Johannas Vater ist der Dorfpriester (Iain Glen). Als Mann Gottes hält er es nicht nur für seine Aufgabe, dessen Wort unter die Menschen zu bringen, sondern auch ihnen den Teufel auszutreiben. Besonders seiner Frau (Jördis Triebel), die immer noch die alten germanischen Götter (Wotan & Co.) anruft. Und nichts hilft scheinbar besser gegen den Teufel, als brutale körperliche Gewalt und eine gelegentliche Vergewaltigung (der eigenen Ehefrau). Als Priester sieht er es aber auch als seine Pflicht an, seine beiden Söhne im Lesen und Schreiben zu unterweisen. Besonders der ältere, Matthias (Sandro Lohmann), zeigt sich solchermaßen gelehrsam, dass er auf die Domschule und auch eines Tages Priester werden soll. Der jüngere, Johannes (Jan-Hendrik Kiefer), scheint hingegen nur Stroh im Kopf zu haben. Ganz im Gegensatz zu Johanna, der noch ein großes Schicksal zuteil werden soll.

Die Verfilmung "Die Päpstin" erweckt auf den ersten Blick, den Versuch großes Kino inszenieren zu wollen. Das internationale Staraufgebot spricht für sich und die Sets und Kulissen ebenfalls. Es ist aber nur der Versuch: nicht halbherzig, aber viel gewollt und sich letzten Endes mit dem begnügt, was ebenso ging, verdichtet sich als Eindruck zusehends. Viel schwerwiegender aber sind die Plattitüden: Das schmutzige Mittelalter, mit all seinen Niederungen, muss noch so vehement in die Köpfe der Zuschauer gehämmert werden, damit auch jeder am Ende versteht, was für eine furchtbare Zeit das war. Kein Klischee zu bemüht, keine Stereotype zu abgedroschen – ein Glück, dass wenigstens die Verrichtung der Notdurft ausgeklammert wurde: Schmutz, Elend, Lepra, Krieg und Pest, die Reiter der Apokalypse ziehen übers Land. Mag sogar sein, dass dies alles wirklich authentisch ist; aber auch dermaßen plakativ, dass das Gefühl aufkommt, ein boulevardeskes Magazin hätte den Film inszeniert.

Natürlich ist so was Geschmackssache und die Kenner und Freunde des Buches mögen der Meinung seien, dass man sich lediglich an die Vorlage gehalten hat. Für die anderen bleibt möglicherweise eine gewisse (unfreiwillige) Komik nicht aus. Vor allem zu verdanken hat man das John Goodman. Der wuchtige Komiker aus Übersee hat filmisch schon bessere Tage gesehen. Als Pontifex ist er aber gleich in mehrfacher Hinsicht die Krönung: Es ist einfach schlichtweg nicht möglich, diese imposante Erscheinung zu sehen und sich vollends ernst zu halten. Selbst wenn er es nicht will, ist er irgendwie schräg und zaubert ein Grinsen aufs Gesicht. Doch diese, mitunter ungewollte, Komik ist auch anderen zu verdanken: Zu Beginn taucht eine Figur auf, der griechische Gelehrte Aesculapius (Edward Petherbridge), der Johannas Lehrer wird; jeder, der auch nur einmal ein Asterixheft in Händen gehalten hat, wird augenblicklich aufspringen und "Miraculix" rufen. Die Ähnlichkeit ist aber bestimmt ungewollt.

Eine andere international hochkarätig besetzte Rolle, ist die des Grafen Gerold: Mit David Wenham hat man dort jemanden gefunden, der seine Schwertschwinger-Qualitäten bereits bei "300" unter Beweis stellte, hier fällt seine Rolle aber deutlich zahmer aus. Johannas Figur wird gleich von drei Darstellerinnen geschultert, die sie in den verschiedenen Altersstufen verkörpern: Tigerlily Hutchinson (Alter 6-9), Lotte Flack (10-14 Jahre) und natürlich Johanna Wokalek als erwachsene Figur. Letzterer gehören auch alle wesentlichen Akzente des Films, bis hin zur Inthronisation auf den Stuhl des Heiligen Vaters. Unerhört! Ein Raunen der Empörung wird durch die Hallen des Vatikans schallen, dabei erscheint das genauso sinnvoll, als würde sich die Englische Königsfamilie vor der Rückkehr König Arthurs fürchten.

Mag sein, dass es Indizien und Beweise für die Echtheit der Behauptung gibt, dass eine Frau einmal Papst war und die Katholische Kirche alles sorgsam daran gesetzt hat, diese Beweise aus allen Chroniken zu tilgen. Relaxt betrachtet, regt das aber ungefähr auf dem Level der Dan Brown Bücher auf. Tatsächlich könnte man sich doch mehr über jüngere Fehlleistungen des Vatikan-Oberhauptes eschoffieren. Halt nein! Wieder schallt der Chor der Entrüstung durch den Äther, diesmal sind es die Feministinnen, die an dieser Geschichte glatt ein paar Meter in die Höhe wachsen. Als müsse man sich heute noch über die Gepflogenheiten vor über 1000 Jahren aufregen. Liebe Damen: Das Mittelalter ist vorbei, der Feminismus hat in den westlichen Demokratien triumphiert (und lauter neurotische Männer produziert); zugegeben: Frauen können immer noch nicht Papst werden – aber es gibt wirklich Schlimmeres.

Fazit: Pompöser großambitionierter Film, der sich müht, nicht gegen vergleichbare, höher budgetierte Produktionen abzufallen. Dem dies aber nicht ganz gelingt. Losgelöst vom Buch entsteht für den Zuschauer eine Geschichte, die gelegentlich etwas "Braveheart"-Charme verströmt (nur viel schmutziger), teils an "Johanna von Orleans" erinnert (wenn auch wesentlich unaufgeregter) und reichlich in "Lancelot und Guinevere"-Attitüden schwelgt. Besonders aber Erinnerungen an "Yentl" mit Barbara Streisand aus dem Hinterhof der Erinnerung zaubert: Die Geschichte einer jüdischen Frau, die Rabbi werden wollte – und auch ihr kam ein Mann dazwischen.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.