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Big Fish
Big Fish
© Columbia TriStar Film GmbH

Kritik: Big Fish - der Zauber, der ein Leben zur Legende macht (2003)


Big Fish – Der Zauber, der ein Leben zur Legende macht. Tim Burton verfilmt den gleichnamigen Roman von Daniel Wallace und erzählt die anrührende Geschichte vom ewigen Traum ein Held zu sein. Wenn wir ehrlich sind, haben wir alle schon einmal davon geträumt ein Held zu sein, Dinge zu können, die die Welt verändert, aus der Masse hervorzustechen und als Big Fish in grossen Gewässern dieser Erde zu schwimmen. Zumindest als Kind und Heranwachsender sind wir noch empfänglicher für Träume und Phantastereien aus dem Reich der Mythen und Sagen. Doch spätestens mit Eintritt ins Erwachsenenalter holt uns die Realität ein. Der Sinn für sagenumwobene Geschichten kommt uns abhanden und unsere Träume entpuppen sich oft als naive Hirngespenste. Wenn man den neuen Film von Tim Burton (Ed Wood)) "Big Fish" Revue passieren lässt, scheint unsere Welt heutzutage mehr denn je frei von jeglicher Illusion. Sie ist eine vorgefertigte Schablone, die einheitliche, dem modernen Bild unserer Gesellschaft entsprechende Lebenswege reihenweise reproduziert. Die wenigsten haben die Kraft ausgetretene Pfade zu verlassen, ihre Ideale zu verfolgen, Bausparverträge und Fertighäuser links liegen zu lassen, und ihren Traum zu verwirklichen oder zumindest an ihn zu glauben. Tim Burtons Film "Big Fish" ist keine hochtrabende Gesellschaftskritik, er karikiert auch nicht den ganz normalen Durchschnittsmenschen – er erzählt gerade von ganz normalen Menschen, die es verstehen ihr Leben und das Leben ihrer Mitmenschen durch ihre blühende Phantasie zu bereichern, um dem oft mechanischen Alltag zu entfliehen und sich ein wenig an der Magie des Traumes zu berauschen. William Bloom (Billy Crudop) ist Journalist und in seiner Berufung der Wahrheit stets dicht auf den Fersen, während sein alter Herr Edward Bloom (Ewan McGregor, Albert Finney) ein passionierter Geschichtenerzähler, jede Gelegenheit dazu nutzt seine Mitmenschen mit anrührenden Kuriositäten aus der Fabelwelt zu verzaubern. Dass William mittlerweile in Paris lebt, ist mitunter auch der Tatsache zu verdanken, dass er an der unbändigen Phantasie seines Vaters, drohte zu ersticken. Als sein Vater obendrein auf der Hochzeit von Will unermüdlich eine Anekdote nach der anderen zum Besten gibt und dem Bräutigam zum Statisten seiner eigenen Hochzeit degradiert, endet das Fest mit einem Streit zwischen Vater und Sohn, der eine mehr als dreijährige Funkstille zur Folge hat. Erst die schwere Krankheit und der bevorstehende Tod seines Vaters veranlasst Will, einen letzten Versuch zu unternehmen, sich mit seinem Vater auszusöhnen. In der Hoffnung mehr über seinen Vater zu erfahren und hinter die Fassaden seiner Geschichten zu blicken, macht sich Will zusammen mit seiner Frau Josephine (Marion Cotillard) auf den Weg in seine Heimatstadt Ashton im Bundesstaat Alabama. In seinem Elternhaus angekommen, ist Will fest entschlossen herauszufinden, wer Edward Bloom wirklich war? Ein Held, ein Wohltäter, ein Genie oder bloß ein Lügner, der in seiner eigenen Phantasiewelt lebt? Der junge Journalist begibt sich auf eine fast mystisch anmutende Zeitreise, die die Lebensgeschichte seines Vaters genauer unter die Lupe nimmt, um seinen Vater, den er meint nicht zu kennen, endlich zu begreifen.
In langen Rückblenden wird der Zuschauer in eine Welt entführt, in der die Fiktion die wahrscheinlich recht banale Realität kräftig ausschmückt und für magische und traumhafte Momente sorgt. Lauscht man den Geschichten von Edward Bloom, hat dieser als junger Mann seine Heimatstadt Ashton vor den Klauen eines Riesen bewahrt, diesen besänftigt und sich gemeinsam mit ihm auf Entdeckungsreise begeben. Edward Bloom kämpfte auf seinem Weg mit mordlüsternen Fabelwesen, lebte Jahrelang mit einem Werwolf im Zirkus, betörte seine geliebte Ehefrau mit 10.000 Narzissen, schlug sich bravourös und heldenhaft durch den zweiten Weltkrieg, verbrachte eine ganze Nacht auf dem Grund eines Sees und erlebte noch viele andere wunderliche und bizarre Abenteuer. Regisseur Tim Burton versteht es, das Wechselspiel zwischen frisierter Vergangenheit und tragischer Gegenwart meisterhaft in Szene zu setzten. Der Kontrast offenbart sich einerseits in dem intimen Vater-Sohn-Handlungsstrang und andererseits in den überlebensgrossen Geschichten des Edward Blooms. Stehen am Anfang Realität und Fiktion noch separat voneinander entfernt, werden sie mit zunehmender Dauer des Films zu einer echten Einheit. Will entdeckt Stück für Stück das Geheimnis seines Vaters. Er findet in den Geschichten Unstimmigkeiten heraus, aber auch zugleich Anzeichen wahrer Begebenheiten. Doch das ist letztendlich nebensächlich, als Will zum Ende des Films versteht, dass sein Vater sich nicht hinter seinen Geschichten versteckt, sondern eine nüchterne und rationale Welt mit der Kraft der Phantasie und der Träume ein wenig aus den Angeln zu heben versucht. Für Edward Bloom ist das Leben ein Geschenk, ein Wunder, dass es gilt mit steter Neugierde auszukosten und mit dem Reichtum der Phantasie anzureichern. In Edward Blooms Lebensphilosophie gehen Realität und Fiktion einher, es gibt keine objektive Wahrheit. So ist die Wahrheit letztendlich relativ, wenn man sich auf einen Mann wie Edward Bloom einlässt, ihn verstehen und lieben lernen will. "Big Fish" ist eine Hommage an die grossen folkloristischen Geschichtenerzähler, ein Film über die Macht der Phantasien und ein leiser Aufruf für alle, die die Welt mit anderen Augen betrachten und ihre Träume verwirklichen wollen. Der Film bietet nicht nur eine sensibel inszenierte Story, sondern glänzt zusätzlich durch feinsinnigen Humor, einem hervorragenden Kostümbild, impressionistische Kamerafahrten und einem Starensembles, das den Figuren voll und ganz gerecht wird. So überzeugen neben Ewan McGregor und Albert Finney (der junge und der alte Edward Bloom) in weiteren Rollen Billy Cudrop (Will Bloom), Jessica Lange (Sandra Bloom), Dannny de Vito als kauziger Zirkusdirektor und Steve Buscemi als geläuterter Anthroposophist und naiver Bankräuber.





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