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Kritik: Seabiscuit - Mit dem Willen zum Erfolg (2003)


Ross und Reiter Ein fauler Gaul und ein halbblinder Jockey, ein kontaktgestörter Trainer und ein desillusionierter Finanzier: Das ist der Stoff, aus dem in "Seabiscuit" die Helden sind. Hier werden Underdogs zu Siegertypen, und Regisseur Gary Ross, der auch privat erfolgreich in Galopper investierte, brachte die legendäre aber wahre Story aus den 30er-Jahren auf die Leinwand. Das US-Publikum zeigte sich hoch erfreut - nun kommt der Film auch in die deutschen Kinos. Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde - auf "Seabiscuit" von Gary Ross trifft dieser Slogan auf jeden Fall zu. Doch das Galopper-Epos nach dem Bestseller von Laura Hillenbrand handelt nicht von wohlerzogenen Mädels auf dem Ponyhof. Es geht vielmehr um zwei- und vierbeinige Underdogs, die gegen jede Chance auf der Siegerstraße landen. Für die in den 30er-Jahren von der Depression geschundene Volksseele der USA war die unglaubliche (aber wahre) Erfolgsstory wohl mindestens so heilsam wie das Wunder von Bern für Nachkriegsdeutschland. Und so mag Seabiscuit für unsereiner bloß ein Pferd mit einem lächerlichen Namen sein - jenseits des Atlantiks ist das Tier eine Institution, auf die man sich in schweren Zeiten gern beruft. Es ist der amerikanische Traum in Reinkultur. Seabiscuit war 1938 in den USA bekannter als der Papst und Adolf Hitler - das kleinwüchsige Rennpferd fand in den Medien mehr Beachtung als Präsident Franklin D. Roosevelt. Dabei war der krummbeinige Gaul ein echtes Faultier mit Charakterdefiziten. Mehr noch: Red Pollard (Tobey Maguire), Seabiscuits zu groß geratener Jockey, war auf einem Auge blind, weil er sich buchstäblich durchs Leben boxen musste. Trainer Tom Smith (Oscar-Gewinner Chris Cooper), eine Art Pferdeflüsterer, wusste mit Menschen wenig anzufangen und galt als Soziopath. Nicht umsonst wurde er Silent Tom genannt. Und Charles Howard (Jeff Bridges), Seabiscuits Eigentümer, war ein Schlosser, der in Kalifornien zum millionenschweren Automogul avancierte - bis sein junger Sohn in einem Kleinlaster ums Leben kam und seine Ehe scheiterte. Ausgerechnet dieser eigentümlichen Verlierer-Clique, die zufällig zusammenfand, gelang das schier Unmögliche: Seabiscuit ließ die Konkurrenz (und mit ihr das Establishment) im Regen stehen und mutierte mit der Zeit zum Massenphänomen. Das Medium Radio, das damals noch in den Kinderschuhen steckte, war daran keineswegs unschuldig: Wenn Seabiscuit auf der Rennbahn seine Runden drehte, versammelte sich die Nation vor den Empfängern. Marktschreierische Moderatoren - der Film präsentiert eine Kunstfigur namens Tick-Tock McGlaughlin (William H. Macy) - waren gewiefte One-Man-Acts, die es verstanden, ihr Sujet nach Gutdünken zu instrumentalisierten. Und die sich umgekehrt auch gerne instrumentalisieren ließen. Rivalen der Rennbahn "Seabiscuits" Riege aus Vollblutschauspielern macht den Film zu einem ersten Oscar-Kandidaten - allerdings nur mit Außenseiter-Chancen, da Gary Ross ("Pleasantville") seine Akteure immer wieder zu sehr zügelt. Dafür wird optisch einiges geboten: Die packend inszenierten Rennsequenzen transportieren den Zuschauer mitten ins Geschehen. Das gilt vor allem für den Zweikampf zwischen Seabiscuit und War Admiral, einem Triple-Crown-Gewinner, dessen Eigentümer das Establishment der Ostküste verkörperte. Das spannende Duell war folglich mehr als bloß ein Pferderennen - es war ein Klassenkampf zwischen der Selfmade-Mentalität des nicht mehr ganz so wilden Westens und der Plutokratie der Ostküste. Denn anders als War Admiral war Seabiscuit ein, sagen wir mal, Pferd des Volkes. Solche Geschichten kommen an - vor allem, wenn das Land in Schwierigkeiten steckt. In den 30ern war es die Wirtschaftskrise und der sich anbahnende Krieg, jetzt ist es die Verunsicherung durch den Terrorismus. Damals wie heute sucht Amerika nach neuen Helden und nach wahrer Größe - und hegt die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, in denen man noch unbekümmert sein durfte. "Seabiscuit" trifft folglich einen Nerv und spielte in den USA mehr als 100 Millionen Dollar ein - ganz ohne Kugelhagel, Massenkarambolagen und Spezialeffekte-Orgien. Die Botschaft: Egal, wie aussichtslos die Lage ist - man beißt sich durch, alles wird gut. Wird es natürlich nicht. Was der Film verschweigt: 1940 startete Seabiscuit bereits zum letzten Mal und starb, nach ein paar Jahren Dienst als Samenspritze, im Alter von nur 14 Jahren. Auch Red Pollards Jockey-Ambitionen endeten in einer Sackgasse: Er stürzte oft und gewann selten - und musste schließlich die Reitstiefel seiner jüngeren Kollegen wienern. Und Silent Tom landete, von Gott und der Welt vergessen, in einer Heilanstalt. Aus der Traum.





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