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Kritik: Nur Ein Sommer (2008)


Autorenkino mit (halb-)biografischem Einschlag birgt auf den ersten Blick reichlich Potenzial für interessante Geschichten. Filmautorin und Regisseurin Tamara Staudt konnte für "Nur ein Sommer" aus dem selbst erlebten schöpfen: Zwei Sommer verbrachte sie als Saisonarbeiterin auf einer Schweizer Alm und bekam Einblicke in den harten Lebensalltag ihrer Bewohner. Von diesen Motiven inspiriert, erzählt sie die Geschichte einer (nicht mehr ganz) jungen Frau, die aus der beruflichen Perspektivlosigkeit flieht, um etwas ganz Neues zu wagen. Protagonistin dieser prosahaften Geschichte ist, die aus "Anatomie" bekannte, Anna Loos.

Im brandenburgischen Eberswalde sind Jobs rar. Eva (Ann Loos) Mitte 30 ist ihren gerade los, und große Aussicht auf einen Neuen gibt es nicht. Sie könnte sich außerhalb bewerben, aber da sind noch der knapp 16-jährige Sohn Jens (Robert Höller) und ihr juveniler Liebhaber Marco (Steve Windolf). Als von einer Chemiefabrik im Westen ein positiver Bescheid eintrudelt, dass Marco dort eine Lehre antreten kann, nimmt Eva kurz entschlossen einen Job im Ausland an. Für drei Monate geht es als Melkerin auf eine schweizerische Alm. Dass ihr Freund davon nicht begeistert ist, beeindruckt sie wenig.

Kaum angekommen, stellt sie aber fest, dass der Aufenthalt dort alles andere als ein Zuckerschlecken werden wird: Die Bewohner der Bergwelt versprühen den gleichen rauen Charme, wie das alpenländliche Klima. Und ihr neuer Arbeitgeber Daniel (Stefan Gubser) entpuppt sich als typisch leicht griesgrämiger und wortkarger Bergbewohner. Er macht keinen Hehl daraus, dass er der deutschen Aushilfskraft nicht allzu viel zutraut. Kein Strom, kein fließend Wasser und jeden Tag im Morgengrauen aufstehen, um die 40 Milchkühe zu versorgen. Er gibt ihr nur wenige Tage, bevor sie wieder verschwindet. Eva aber bringt Erfahrung aus der Landwirtschaft mit. Das LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) indem sie zu DDR-Zeiten arbeitete, hatte über 600 Kühe. Aber noch eine andere Sache könnte zum Problem werden: Auf der Alm sind (attraktive) Frauen rar und es dauert nicht lang, bis sie die ersten Verehrer hat. Obendrein meint ihr (Ex-)Freund ihr einen Überraschungsbesuch abstatten zu müssen.

Auf den ersten Blick scheint Anna Loos wirklich die Idealbesetzung für dieses leicht skurrile Berg-Liebes-Drama. Die Schauspielerin versprüht einerseits genug Sexappeal, um die Plotwendungen halbwegs glaubhaft wirken zu lassen, andererseits ist sie, im positiven Sinne, kein glamourhaftes Sociaty-Mäuschen, dem man nicht zutraut, einen Eimer Wasser zehn Meter weit tragen zu können. Und auch die Optik der dargebotenen Bergpanoramen entfaltet einen anheimelnden Charme. Dort oben ist es bezaubernd schön, und man wünscht sich, die Filmemacher hätten, zumindest diesen Teil, in 70 mm gedreht. Amüsant, dass Aufeinanderprallen der Mundarten: die Deutsche mit brandenburgischem Dialekteinschlag und der Alpenländer in Schwyzerdütsch. Natürlich prallen hier mehr als Mundarten aufeinander und die Metaphorik wird schnell klar.

Damit erschöpft es sich aber nahezu schon. Mehr wäre sicherlich möglich gewesen. An einem Punkt scheint der Film tatsächlich Fahrt aufnehmen zu wollen: Mitten in einem Unwetter werden Daniel und Eva gezwungen Futter für die Kühe zu Fuß und mit dem Pferd die Alm hinauf zu schaffen; in dieser Situation kommt mal so richtig sowohl Dynamik, als auch Dramatik und atmosphärische Dichte auf. Rasch flaut es aber wieder ab und der Rest ergeht sich größtenteils im Beziehungsgewirre. Dass Abgeschiedenheit und erzwungene Nähe manch einer Romanze zum Start verholfen haben, ist weder besonders neu oder originell und eben auch viel zu absehbar. Besonders Evas Motiv für amouröse Almeskapaden wird nicht wirklich klar. Dieser Mangel an Plausibilität zieht sich in Evas Verhalten als roter Faden durch den Film. Warum sie das alles so angeht, ergründet sich nicht, was dem Film spürbar abträglich ist.

Fazit: "Nur ein Sommer" lebt überwiegend von der Spannung zwischen den Figuren in der Isolation, dem alpenländischen Panorama und der Prosastudie einer Lebensweise, die so allmählich ausstirbt. Wen "Der Berg ruft", der sollte sich auch den Kinogang nicht verkneifen.




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