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Kritik: Der Baader Meinhof Komplex (2007)


Fast jeder Terrorist ist ein deutscher Star. Sogar Minirollen sind hochkarätig besetzt: Alexandra Maria Lara taucht als Petra Schelm kurz auf und wird erschossen. Noch schlimmer ergeht's Anna Thalbach, die gerade mal mit den Augen rollen darf. Auch krass: Sunnyi Melles, für zwei Sekunden als Telefonistin zu sehen.
Okay Uli und Bernd, was wollt Ihr uns denn damit bitteschön sagen? Edel ging es laut Presseheft um „Authentizität“. Eichinger verfolgte eine „Fetzendramaturgie“, ausdrücklich ohne Sympathieträger und Identifikationsfigur - die Terroristen sollen sich „über ihre Tagen definieren“. Und da kann es natürlich nicht schaden, dass sie in Gestalt gutaussehender Promis herumballern... „Heldenverehrung“, was Meinhofs Tochter Bettina Röhl dem Film vorwirft, kann man den beiden dennoch nicht unterstellen. Denn Eichingers Fetzendramaturgie wirkt: Die RAF-Terroristen sind nicht nur keine Sympathieträger, sie wirken teilweise wie Comicfiguren – Ensslin ist das hübsche blonde Biest, Meinhof die eigentlich Gute auf dem falschen Weg und Baader der charismatische rebel without a clue. Überhaupt besteht die erste Generation aus (überwiegend weiblichen) Hipsters mit Hang zum Happening, Bikini Girls with Machine Guns - sogar ohne Bikini. Und im jordanischen Guerilla-Ausbildungscamp stellt sich die Truppe dann in mehrerlei Hinsicht bloß.

Das alles wirkt der von Edel proklamierten Authentizität entgegen: Einen Film über Terroristen zu drehen, deren Handlungen sich selbst definieren, ist so lebensecht, wie ein an historischen Daten entlang verfilmtes Geschichtsbuch. Und genau das ist der „Baader-Meinhof-Komplex“ geworden. Auch aufpeitschende Actionszenen – fast alle fünf Minuten wird entweder geschossen, geschlagen, gesprengt oder zumindest geschrien – hauchen dem Film kein Leben ein.
Dabei erweckt man zunächst den Eindruck, dass es eben doch um die Personen geht: Martina Gedeck urlaubt als Ulrike Meinhof am FKK-Strand auf Sylt und darf ihren kritisch-ironischen Brief an Farah Diba vor höflich klatschenden Bourgeoisievertretern zum Besten geben. Dann geht alles ganz schnell. Sie hört Dutschke im Hörsaal zu und erlebt auf der Demo gegen den Schah (Juni 1967) brachiale Gewalt - Jubelperser und Polizei gegen die protestierenden Studenten, was dann in der Ermordung von Benno Ohnesorg seinen tragischen Tiefpunkt findet. Eben noch diskutiert Ulrike im Fernsehen rational über die Springerhetze, dann befreit sie Andreas Baader, nimmt dabei den Tod eines Menschen in Kauf, geht in den Untergrund und lässt ihre zwei kleinen Töchter für immer hinter sich. Zwar bringt Gedeck den eigentümlichen Sprachduktus der Meinhof präzise auf den Punkt und lässt auch ihr Zögern durchscheinen – warum diese intelligente und sensible Journalistin plötzlich auf fast groteske Weise verhärtet, kommt aber nicht mal ansatzweise rüber. War es der Anschlag auf Dutschke oder vielleicht Gudrun Ensslins hämische Bemerkungen über ihre Theorielastigkeit? So irrational Meinhof als Terroristin auch war, ihr Abgang aus dem normalen Leben hatte sicherlich zumindest psychologisch plausible Hintergründe.
Johanna Wokalek spielt die Ensslin mit beiläufiger Brillianz als die skrupellose Macherin, die sie laut Zeitzeugen und Tonbandaufnahmen auch war. Faszinierend anzusehen, wie eine schöne Giftschlange. Als einzig menschlicher Zug erscheint die Leidenschaft für Andreas Baader. Der poltert als prolliger Schreihals durch den Film - „Ficken und Schießen sind ein Ding“. Er taucht unvermittelt als Ensslins erstaunlich sexistisches Anhängsel auf und ist von Anfang an nur auf Randale aus. Bleibtreu gab zu seinem Baader tatsächlich kund, ihn in seiner Darstellung durch die Liebe zu Ensslin motiviert zu haben. Nun mag man gerade Baader alle möglichen Beweggründe zutrauen - dass er aber Menschen tötete, um seine Revoluzzermieze zu beeindrucken, ist Blödsinn.

Privates wird, Eichingers Vorhaben gemäß, nebenbei erledigt, während man andererseits die gesamte RAF-Geschichte bis in die dritte Generation anhand historischer Daten akribisch abhakt und zusammenquetscht. Nur ersetzten leider penible Details keinen Mangel an Inhalt.
Den Guten gibt überraschend Bruno Ganz, als BKA-Chef Horst Herold. Er darf auch als einziger vorsichtig nach gesellschaftlichen Verhältnissen fragen, welche (nicht nur) die Terroristen möglicherweise bedrücken. Das überlässt man ansonsten der „Fetzendramaturgie“, in einem Zusammenschnitt von Fernsehnachrichten. Wobei das Wesentliche, dass nämlich die in der Nazidiktatur geborenen gebildeten jungen Menschen durch die Morde an Kennedy, Che, Martin Luther King und Ohnesorg - gepaart mit Vietnamkrieg, der Zerschlagung des Prager Frühlings und der offenen Polizeigewalt - eventuell ernsthaft Angst vor einer neuen Ausbreitung des Faschismus hatten, nur anklingt. Während es andererseits dann wieder albern ist, die RAF als logische Konsequenz dieser Ereignisse zu präsentieren.

Komplex ist die Edel/Eichinger-Version des Deutschen Herbstes nur ansatzweise – etwa in Stammheim, wenn unter Ensslin und Meinhof der Zickenkrieg ausbricht, während ihre Gerichtsverhandlung immer mehr zur Farce gerät. Zwar trägt man dem makaberen Mythos der RAF mit dem Film keine neue Patinaschicht auf, von einer Dekonstruktion kann allerdings auch nicht die Rede sein.
Die Opfer der Terroristen erhalten im Unterschied zu früheren Versionen der Geschichte zumindest eine (Kamera-)Perspektive, sowie eine Darstellung der Brutalität und Absurdität ihrer Hinrichtung. Zu Menschen werden sie dabei aber ebenso wenig wie ihre Mörder.
Bleibt die Frage, wie dieser Film wohl als Bewerber um den Fremdsprachen-Oscar funktionieren mag. Schon für jüngere deutsche Zuschauer, welche die RAF vielleicht nur als Fußnote aus dem Geschichtsunterricht kennen, dürfte „Baader-Meinhof“ einigermaßen verwirrend sein. Der Durchschnittsamerikaner ist hingegen noch nicht mal mit den Gesichtern des hausgemachten deutschen Terrors vertraut. Vermutlich haben sich Eichinger und Edel deshalb auf Action, Ausstattung und das solide Spiel der Stars verlassen. Eingerahmt zwischen Janis Joplins Wunsch nach einem schicken Auto und Bob Dylans „Blowin' in the Wind“ liefern Eichinger und Edel bunte und laute Abziehbilder von gruseligen Berühmtheiten, um dann – ausgerechnet und unfreiwillig ironisch – der Mohnhaupt den Spruch "hört auf sie zu sehen, wie sie nicht waren" in den Mund zu legen.





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