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District 9
District 9
© 2009 Sony Pictures Releasing GmbH

Kritik: District 9 (2009)


Aliens landen auf der Erde – ausgerechnet im südafrikanischen Johannesburg, wo sie prompt in ein Township verfrachtet werden, das schnell zum widerlichen Slum verkommt. Für diese Prämisse brachte Peter Jackson als Produzent 30 Millionen US-Dollar auf – verdammt wenig für einen Blockbuster, aber sehr viel für den Debütfilm des noch unbekannten 29jährigen Regisseurs Neill Blomkamp, der zuvor Special Effects entwarf und als Regisseur von Musikvideos und Werbespots arbeitete. Überzeugt hat Blomkamp Jackson mit dem zugrunde liegenden Low‐Budget Mockumentary "Alive in Jo’burg" (2005), das Stil und Story der langen Version bereits vorweg nimmt.

So kommt auch "District 9" zunächst als Fake-Doku mit Nachrichtensendungen, Interviews mit Passanten, Soziologen usw. daher und erzählt in Rückblenden von der Evakuierung der abschätzig als "Prawns" bezeichneten Außerirdischen in ein 200 km entferntes, noch inhumaneres Lager. Dabei lässt District 9, ihr derzeitiger Aufenthalt, Mumbais Slums in "Slumdog Millionär" schon wie eine pittoreske Idylle erscheinen. Die Prawns sehen tatsächlich eher nach einer wenig ästhetischen Mischung aus Küchenschabe und Grashüpferskelett aus, und sind damit um Lichtjahre von den aerodynamischen Post-"Akte X"-Aliens und Merchandise-Schnuckis wie "E.T." entfernt. Was dennoch ein wenig stört, sind ihre humanoiden Gesten und Äußerungen – da wäre noch ein bisschen mehr Fremdes, Außerirdisches drin gewesen.
Im Mittelpunkt des Geschehens steht Wikus van der Merwe, ein durchschnittliches Bürohänschen des Konzerns Multi-National United (MNU), das durch seinen Schwiegervater in den Job des Managers der Evakuierung der Prawns gehievt wird. Eine Aufgabe, die der Sachbearbeiter mit nervöser Energie angeht und sich dabei schnell als mindestens ebenso schmierig wie die unappetitliche Nahrung der Prawns zeigt – bis er durch den Kontakt mit einer außerirdischen Flüssigkeit auch körperlich unattraktiv, dafür aber geistig umso wacher wird... Mit der Rolle gibt Sharlto Copley, ein südafrikanische Regisseur und Produzent, sein Schauspieldebüt, das sicherlich mit noch so manchem Preis ausgezeichnet wird: Obwohl seine Figur zunächst absolut nicht als Sympathieträger aufgebaut und dann sogar abrupt heftigen physischen und psychischen Veränderungen unterzogen wird, gelingt es ihm, mit seiner nuanciert-eindringlichen Performance die Glaubwürdigkeit durchweg aufrecht zu erhalten.
Plot Points sind, abgesehen von der Ausgangsgeschichte, nicht neu – aber immerhin gelingt es Blomkamp, bewährte Versatzstücke aus so unterschiedlichen Quellen wie beispielsweise "Alien 4", und einem x-beliebigen Buddymovie auf schlaue Weise neu zusammen zu setzen. Schlau wohlgemerkt, nicht hochintelligent. Denn dafür gibt es zu viele Ungereimtheiten, die Fan-Geeks vermutlich noch auf Jahre hinweg mit dem Verfassen plausibler Erklärungen beschäftigen wird. Wirklich innovativ an Blomkamps Debüt sind die Fragen nach möglichen Konsequenzen des ersten Kontakts von Menschen mit Außerirdischen: Was wäre, wenn sie nicht angreifen, sondern überhaupt keine Agenda haben und einfach zufällig stranden – und zwar in hilflosen, lästigen Massen, die es unterzubringen gilt. Die Apartheit-Analogie scheint offensichtlich, kommt allerdings nur indirekt und subtil durch: Keinen Moment lang hat man das Gefühl, die Macher würden ihre Botschaft durchprügeln – was neben dem unkonventionellen Anti-Helden eine der Stärken des Filmes ausmacht. Wirklich bitter ist außerdem der Kontrast zwischen den endlosen Fernsehnachrichten und dem, was wirklich vor sich geht; genau wie der sämtliche humanitäre Grundsätze ignorierende, wenig subtil benannte Multi-National United-Konzern. Dagegen wirken einzelne Oberschurken – der fiese Schwiegervater, ein übler, gewissensloser Söldner und ein Mengele-Verschnitt – fast wie mechanische Schablonen.
Gegen Ende trägt Blomkamp dann leider viel zu dick auf, so dass der Film teils zum hastigen Actionspektakel ausufert, teils durch knapp an der Kitschgrenze vorbeischrammende elegische Szenen gedehnt wird. Wie so oft hätte man darauf gut verzichten und die Geschichte so wesentlich straffer und eindringlicher erzählen können.

Alles in allem ist "District 9" ein äußerst spannender und teilweise beklemmender Thriller, mit einem grandiosen Schauspieldebüt, sowie ein paar Überraschungen. Schwachpunkte sind zu exzessives Geballer im letzten Drittel, blasse Nebenfiguren und einige B-Film-Wendungen. Wirklich problematisch ist allerdings der durch Marketing gepushte Hype, der dem Film vorauseilt - "District 9" ist nun wirklich nicht der beste SciFi-Thriller aller Zeiten, aber zumindest der spannendste Actionfilm seit langem, der überproduzierten Fanboy-Schrott wie den zweiten "Transformers"-Teil umso überflüssiger erscheinen lässt. Da der Schluss einige Andock-Möglichkeiten für Sequels bietet, dürfte irgendwann auch "District 10" folgen.





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