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Kritik: A Serious Man (2009)


Niemand erzählt Geschichten wie die Coens. Vor allem widmet sich niemand so ausgiebig den notorischen Pechvögeln oder zum Scheitern Verfluchten. Hier gibt es sogar gleich zwei Geschichten: Der eigentlichen geht ein Kurzfilm auf jiddisch voraus, der zwar nicht direkt mit der Story zu tun hat – er spielt in einem verschneiten Schtetl, vermutlich Ende des 19. Jahrhunderts – aber ein Paradox aufgreift, das sich durch den Film zieht.
Dieser spielt 1967 in einer jüdischen Gemeinde irgendwo im Mittleren Westen – also in genau demselben Umfeld, in dem die Coens einst aufwuchsen. Doch "A Serious Man" ist kein Nostalgietrip: Über den Physikdozenten Larry (Michael Stuhlbarg) brechen unverhofft kleine und größere Katastrophen herein. Seine Frau will ihn für den schleimigen Sy Ableman, einen "ernsthaften Mann", verlassen. Seine Tochter beklaut ihn – sie will sich die Nase richten lassen. Larrys Sohn, der sich eigentlich auf seine Bar Mitzwa vorbereiten sollte, denkt nur ans kiffen. Dann ist da noch sein gestörter Bruder, der rätselhafte Berechnungen über die Wahrscheinlichkeit anstellt und ewig das Bad besetzt. Und an der Uni macht ihm ein koreanischer Austauschstudent Probleme… Larry weiß sich nicht mehr zu helfen und sucht verschiedene Rabbiner auf.
Klingt schlicht, erweist sich aber bei den Coens als mysteriös-verschachtelte Moralfabel mit biblischen Andeutungen, philosophischen Untertönen, Schrödingers Katze und Ratschlägen von Jefferson Airplane . Hat Larrys Pech irgendeine Bedeutung? Wie soll er sich verhalten? Larry wird scheinbar wie einst Hiob von Gott getestet – entweder das, oder das Schicksal schmeißt ihm zufällig ständig Steine in den Weg.
Wie auch immer, die Coens erzählen seine Geschichte stilistisch präzise, mit essigsaurem Biss. Jedes Bild sitzt, kein Wort ist zuviel. Und wie immer ist das Ganze genial besetzt, in diesem Fall komplett mit Unbekannten. Allen voran Michael Stuhlbarg, der als Larry sämtliche Rückschläge zwar leicht perplex, aber immer stoisch hinnimmt. Dabei erinnert er tatsächlich ein wenig an den glücklosen Regisseur im ersten Teil von David Lynchs "Mulholland Drive". Nur eine nackt sonnenbadende neue Nachbarin – quasi die jüdische Mrs. Robinson – reißt ihn kurz aus seiner eigenen, in sich zusammenfallenden Welt. Larry versichert allen Anschuldigungen gegenüber stets, er habe "nichts getan". Und vielleicht ist genau das sein eigentliches Problem.
Oder doch nicht? Als der Schluss abrupt die Handlung unterbricht, ist noch lange nicht alles geklärt. "A Serious Man" gehört zu den Filmen, die man vermutlich mehrmals sehen muss, um die tieferen Schichten des hintergründigen Verwirrspiels auszuloten. Spass macht der Film jedoch schon beim ersten Mal, auch dank der fantastischen Bilder von Roger Deakins und dem bärbeißigen Humor der Coens.

Fazit: So witzig wie "Burn After Reading" ist "A Serious Man" nicht – allerdings auch nicht so bitter wie "No Country for Old Men". Wegen dem Mangel an bekannten Gesichtern und seinem vagen Ende lief der Film in den USA nicht so erfolgreich, wie er es verdient hätte. Dabei ist er ohne Zweifel einer der interessantesten und intelligentesten Filme, die das Land 2009 hervorgebracht hat.




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