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Kritik: Brighton Rock (2010)


Der Drehbuchautor Rowan Joffe hat sich in seinem Spielfilmdebüt gleich an ein Klassiker gewagt: Mit "Brighton Rock" hat er Graham Greenes 1938 gleichnamigen Roman, der in Deutschland unter dem Titel "Am Abgrund des Lebens" erschienen ist, verfilmt. Seine einschneidendste Änderung gegenüber der Vorlage ist sicherlich die Verlagerung der Handlungszeit von 1938 nach 1966. Damals fanden in dem idyllischen Seebad brutale Schlachten zwischen Rockern und Mods statt, die unter dem Namen "Brighton Riots" in die britische Geschichte eingegangen sind und zum Sinnbild der Wut der jungen Arbeiterklasse wurden.
Inmitten dieser Welle der Gewalt will der ehrgeizige Kleinganove Pinkie (Sam Riley) seine Karriere vorantreiben. Er tötet einen wichtigen Handlanger des mächtigen Gangsterbosses Colleoni (Andy Serkis) in einem schmutzigen Kampf unter dem Pier. Aber diese Auseinandersetzung bringt ihm nicht nur eine Narbe auf der Wange ein, sondern ein weitaus größeres Problem: Durch ein Foto mit der zufälligen Zeugen Rose (Andrea Riseborough) wird die Beteiligung seiner Gang an dieser Tat bewiesen. Er muss diesen unliebsamen Beweis vernichten und sicherstellen, dass Rose nicht zur Polizei geht. Doch anstatt sie zu ermorden, wählte er einen anderen Weg: Er beginnt mit der naiven jungen Frau eine Beziehung. Diese Liaison wird von Roses resoluter Chefin Ida Arnold (Helen Mirren) gar nicht gerne gesehen, zumal der ermordete Hale (Sean Harris) ein Freund von ihr war und sie diese Tat aufklären möchte. Pinkie verliert zunehmend die Kontrolle über die Ereignisse - und zieht Rose in einen tragischen Abgrund.

Der Film von Rowan Joffe überzeugt vor allem durch seine Optik und Atmosphäre. Stilsicher bringt er das Brighton der 1960er Jahre auf die Leinwand und insbesondere Kameramann John Mathieson erweist sich als Glücksfall für diesen Film. Er fasst das bedrohliche Tosen des Meeres ebenso wie das scheinbar harmlose Treiben am Pier in eindrucksvolle Bilder, die von einem gelungenen Soundtrack untermalt werden. Doch Joffe nutzt das dramaturgische Potenzial der schwelenden Konflikte zwischen den Jugendkulturen nicht aus, sie bleiben im Hintergrund. Unweigerlich stellt sich die Frage, warum der aufstrebende Kleingangster Pinkie sich keiner dieser Gruppen anschließt – wenn sie doch die derzeit rivalisierenden Banden ablösen könnten. Die Verbindung typischer noir-Elemente mit dieser schwelend-aggressiven Aufbruchsstimmung ist zwar ein guter Ansatz, aber Joffe hätte ihn konsequenter verfolgen sollen.

Im Mittelpunkt des Films steht aber ohnehin die Beziehung von Rose und Pinkie. Insbesondere Andrea Riseborough füllt ihre Rolle mit viel Charisma aus und verleiht Rose die nötige Präsenz. Mit einer weniger talentierten Schauspielerin hätte Rose allzu leicht in den Hintergrund gedrängt werden können, aber Riseborough verkörpert überzeugend Roses bedingungslose, ja blinde Liebe zu dem Gangster. Mit wenigen Blicken macht sie deutlich, dass sie nicht nur ein Opfer ist – auch wenn ihre bedingungslose Loyalität und Zuneigung bisweilen erschreckend ist. Doch diese Beziehung gibt ihr auch die Gelegenheit, von ihrem prügelnden Vater wegzukommen und ein anderes, wenn auch nicht perfektes Leben zu beginnen. Weniger überzeugend ist hingegen Sam Riley. Zwar hat er einige gute Momente, in denen er Pinkies Bösartigkeit überzeugend auf die Leinwand transportiert – auch wenn er in einigen Einstellungen stark an Leonardo DiCaprio in "Gangs of New York" erinnert. Aber er findet keinen Ausdruck für Pinkies Beweggründe, Rose am Leben zu lassen. Daher lassen sich die Abgründe seines Charakters und der im Film angesprochene gute restliche Kern nur erahnen.
Dennoch ist "Brighton Rock" ein unterhaltsamer Film, der bisweilen herrlich altmodisch daherkommt. Helen Mirren spielt routiniert die resolute Ida, Andy Serkis ist herrlich schmierig als gelackter Gangsterboss – und insbesondere die kleine, gemeine Schlussnote rundet den Film ab.

Fazit: "Brighton Rock" beschert den Zuschauern charmante Retro-Unterhaltung mit einer sehenswerten Andrea Riseborough.





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