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Somewhere
Somewhere
© 2010 Focus Features

Kritik: Somewhere (2009)


Schon die Anfangssequenz dieses Films ist bemerkenswert: ein schwarzer Ferrari fährt immer wieder im Kreis. Er gibt Gas, bremst ab, stoppt und gibt wieder Gas. Diese Einstellung drückt zugleich zweierlei aus: das ruhige Erzähltempo des Films – und die Langeweile der Hauptfigur Johnny Marco.
Johnny Marco – toll gespielt von Stephen Dorff – ist Schauspieler, er ist gut im Geschäft und lebt im berühmten Hotel Chateau Marmont. Auf den ersten Blick ist er eine gänzlich uninteressante Figur. Die ständigen Vergnügungen und Versuchungen seines Daseins als bekannter Schauspieler lässt er sich über sich ergehen, die meiste Zeit jedoch langweilt er sich in seinem Leben, und er schläft selbst beim Sex mit einer Partybekanntschaft ein. Dennoch gelingt es Sophia Coppola, dass sich der Zuschauer für diesen gelangweilten, unrasierten Typen interessiert, indem sie mit Beiläufigkeit Bilder für die Scheinheiligkeit und Leere seines Lebens zeigt. So ist fast zufällig im Bild zu sehen, dass Johnny Marco bei einem Fototermin mit seinem weiblichen Co-Star auf einem Podest stehen muss, damit er nicht wesentlich kleiner ist. Die Fotos werden großartig, aber zwischen den Aufnahmen lässt sich Johnny stoisch von seinem Co-Star beleidigen. Routiniert und gelangweilt absolviert er die Termine, die ihm seine Managerin morgens am Telefon mitgeteilt hat. Die Verantwortung für seine Karriere ebenso wie für sein Leben hat er weitgehend abgegeben: an seine Managerin, an die dienstbaren Geister im Hotel und an seinen Kindheitsfreund.
In Johnny Marcos Leben gibt es eine tiefe Einsamkeit, die insbesondere durch die Besuche seiner Tochter Cleo deutlich wird. Auch sie hat sich mit dem Leben im Hotel arrangiert und greift mit Selbstverständlichkeit zum Telefonhörer, um alle Zutaten für Makkaroni mit Käse aufs Zimmer zu bestellen. Doch mit diesem einfachen Essen dringt Normalität in dieses Leben, die Johnny Marcos Schauspielerdasein kontrastiert. Obwohl er sich alles leisten kann, klafft in seinem Leben eine große Lücke, die durch selbstgekochte Mahlzeiten offenlegt wird. Das zeigt Sophia Coppola aber nicht, damit der Zuschauer Mitleid mit dem Star hat – nein, sie kennt die Privilegien dieses Lebens zu gut. Aber sie will erzählen, dass auch dieser Mensch Ängste und Nöte hat und sein Leben vielleicht gar nicht so begehrenswert ist. In „Somewhere“ gibt es keine großen Konflikte oder dramatischen Streitigkeiten. Vielmehr wird eine berührende Vater-Tochter-Geschichte auf sehr ruhige, dafür aber umso eindringlichere Weise erzählt. Insbesondere die Besetzung von Cleo mit Elle Fanning ist ein Glücksgriff. Sie transportiert die schmale Grenze zwischen Kind und Teenager wunderbar auf die Leinwand, indem sie meistens souverän, beinahe erwachsen wirkt. Mit allen Widrigkeiten durch die Trennung ihrer Eltern, dem Ruhm ihres Vaters und der Instabilität ihrer Mutter scheint Cleo wunderbar zurechtzukommen. Doch plötzlich blitzt wieder das Kind hervor: Wenn sie ihren Vater am Frühstückstisch böse ansieht, weil schon wieder eine fremde Frau dort sitzt. Oder wenn sie plötzlich weint, weil sie nicht weiß, wann ihre Mutter zurückkehrt. Diese Verletzlichkeit ist sehr berührend, ohne sentimental zu sein. Am Ende des Films steigt Johnny Marco wieder in seinen schwarzen Ferrari. Aber er fährt nicht mehr im Kreis, sondern eine Straße entlang. Irgendwann stellt er das Auto am Straßenrand ab und geht die Fuß weiter – vielleicht in ein erfüllteres Leben.
Fazit: Ein wunderbar melancholischer und sehr ruhiger Film mit tollen Bildern.




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