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Kritik: Der Hauptmann (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Robert Schwentke ist einer der wenigen deutschen Regisseure, der es bis nach Hollywood geschafft hat. So düster wie in seinem Langfilmdebüt "Tattoo" (2002) wurde es jenseits des großen Teichs allerdings nicht mehr – weder im Flugzeugthriller "Flightplan" (2005) oder der tragischen Liebesgeschichte "Die Frau des Zeitreisenden" (2009) noch in den Comicverfilmungen "R.E.D." (2010) und "R.I.P.D." (2013) oder der Young-Aldut-Fiction-Reihe "Die Bestimmung", für die er 2016 zuletzt "Allegiant" vorlegte. Fast scheint es so, als hätte sich der 1968 geborene Stuttgarter das düsterste Kapitel seiner Filmografie für seine Rückkehr nach Deutschland aufgehoben.

Für seinen ersten deutschen Film seit "Eierdiebe" (2003) hat Schwentke eine abgrundtiefe Köpenickiade gewählt. Es ist schwer zu sagen, was an "Der Hauptmann" unerhörter anmutet: dessen groteske Geschichte, die Tatsache, dass diese auf wahren Begebenheiten beruht, die Tatsache, dass sich ihrer vor Schwentke noch keiner angenommen hatte oder die Courage und Chuzpe, mit der Schwentke seine Handlung auf die Leinwand knallt. "Der Hauptmann" ist eine Versuchsanordnung über Macht und deren Missbrauch. Ein pechschwarzer Parforceritt, der im Schnelldurchlauf vorführt, wie aus Opfern Täter, aus Verführten Verführer werden und wie wenig es dafür bedarf.

Schwentkes Drehbuch wirft seine Hauptfigur mit wenigen Strichen aufs Papier und das Publikum mitten ins Geschehen. Über den Gefreiten Willi Herold (Max Hubacher) erfährt es bis zum Schluss lediglich dessen Dienstgrad. Die wenigen Sätze, die paar militärischen Floskeln, die Herold nach dem Überstülpen der Uniform einübt, genügen, um ihn von ganz unten nach ganz oben zu befördern. Ein Schauspieler, der für eine Rolle probt, und von dem sich die anderen allzu gern blenden lassen. Die einen, weil sie stur an Autoritäten glauben, die anderen, weil sie sich einen Vorteil versprechen, wieder andere, weil sie die Verantwortung getrost auf Herold abschieben können. Wer nicht mitzieht, den zwingt Herold zur Mittäterschaft, macht sie zu Komplizen in seinem perfiden Spiel.

Schwentke hat Herolds rasanten Aufstieg als Abfolge von Prüfungen angelegt. An jeder Wegmarke begegnet er mindestens einer Figur, die seine Glaubwürdigkeit anzweifelt – und sei es nur durch einen schiefen Blick. Mit (falschen) Versprechungen und gewagten Bluffs redet sich Herold um Kopf und Kragen. Je weiter er sein Vabanquespiel treibt, desto selbstbewusster, ja selbstherrlicher wird er. Wie Robert Schwentke diese Entwicklung vom unsicheren Soldaten zum kleinen Despoten inszeniert und wie der junge Max Hubacher diese nachvollziehbar macht, ist ganz großes Kino. Hubacher spielt mit Witz, Verve und machtberauschten Augen. Martin Todsharows musikalische Geräuschkulisse dringt tief in des Zuschauers Magengrube. Schwentke setzt auf kammerspielartige Dialoge voller Suspense. Nie ist vollständig klar, welches Gegenüber Herold tatsächlich täuscht und welches dessen Hochstapelei längst durchschaut hat. Diese Ambiguität zeugt von großer Qualität.

Dazu trägt auch das Schwarz-Weiß bei. Kameramann Florian Ballhaus, der sein gutes Auge von seinem Vater Michael geerbt hat, zaubert wunderschöne Bilder auf die Leinwand, die die Brutalität des Geschehens hart kontrastieren. Was in anderen Filmen über den Zweiten Weltkrieg unangebracht scheint, weil es das Leid der Opfer ästhetisiert, karikiert bei Schwentke die Täter. Der Regisseur riskiert viel, wenn er sein Drama gegen Ende in immer absurdere Höhen schraubt und seinem Protagonisten ein paar makabere Gags auf den Leib schreibt. In einem Film ohne Identifikationsfiguren trägt der größte Schlächter einige wenige sympathische Züge. Doch auch Schwentkes Vabanquespiel geht auf. Mit dem Unbehagen, das sein Publikum hier beschleicht, stellt er es vor die unangenehme Frage, wie es in einer vergleichbaren Situation reagieren würde. Auch manch andere Diskussion, etwa über deutsche Tugenden oder das "Durchfüttern" von Notbedürftigen, zielt klar in die Gegenwart und warnt vor falschen Schlüssen der Vergangenheit.

Fazit: "Der Hauptmann" ist eine rabenschwarze, bitterböse und brutale Köpenickiade über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs. Klug geschrieben, grandios gespielt, virtuos inszeniert. Regisseur und Drehbuchautor Robert Schwentke hält einer Gesellschaft aus Duckmäusern, Mitläufern, Opportunisten und Überzeugungstätern den Spiegel vor und wirft damit Fragen für unsere Gegenwart auf.




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