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Lincoln - Hauptpakat
Lincoln - Hauptpakat
© 2012 Twentieth Century Fox

Kritik: Lincoln (2013)


Es gibt viele Köpfe in der Filmbranche, die uns mit diesen Fähigkeiten immer wieder zum Staunen bringen. Ein Schauspieler ragt dabei besonders markant aus der breiten Masse heraus. Daniel Day-Lewis, seit fünf Jahren nicht mehr auf den großen Leinwänden gesichtet, füllt nun in Steven Spielbergs „Lincoln“ jenen Staatsmann mit Leben. Spielbergs bereits vierter in einem historischen Kontext stehender Film („Schindlers Liste“, „Der Soldat James Ryan“ und „Empire Of The Sun“) erhält durch den irischen Darsteller eine tragende Stütze, der mit Sicherheit vom Publikum, wie Kritik besonders kritisch beäugt wird. Was zaubert Lincoln nach dem umstrittenen „Gefährten“ aus dem Hut? Eine platte Heldenhuldigung eines der charismatischsten Präsidenten des Landes? Das glorifizierte Abfeiern amerikanischer Freiheitstugenden? Balsam für die Seele geschundener Amerikaner im 21. Jahrhundert? Frei nach dem Motto: „Schaut mal her, wie toll wir eigentlich sind?“ Im Gegenteil. Spielberg porträtiert einen nachdenklichen, zwischen Widersprüchen verankerten Mann, dessen schwerste Lebensphase zwei Aspekte deutlich nach außen kehrt: Erstens: Die Freiheit amerikanischer Sklaven baut auf Korruption. Zweitens: Geschichte wiederholt sich.

Der zweifache Oscarpreis- und Staatsangehörigkeitsträger Daniel Day-Lewis, der seit 1971 – in „Bloody Sunday“ - als Schauspieler die Kinoleinwand füllt, besitzt eine Fähigkeit, die ihn zu einem unvergleichlichen Schauspieler empor steigen lässt. Er transformiert sich wie kaum ein anderer Darsteller so sehr in eine neue Rolle, dass es dem Zuschauer immer wieder schwer fällt hinter Gestus und Maske Day-Lewis zu erkennen. Zwischen dem bestialischen Schlächter in „Gangs Of New York“ und seinem Auftritt in „There Will Be Blood “ kann man nur schwerlich eine Parallele ziehen. Da spielt er William Cutting, dort spielt er den Öl-Magnaten Daniel Plainview. „Daniel Day-Lewis“ scheint aus der Gleichung getilgt. Natürlich kann man nun einwerfen, dass diese Rollen ihn auch äußerlich unkenntlich gemacht haben. Doch ist es seine Körpersprache, seine Mimik, sein Verhalten und seine unterschiedlich ausgelegte Präsenz, die den Zuschauer die Fassung raubt: Das ist Daniel Day-Lewis? Ja, er ist es. Kaum zu glauben. Gleiches gilt auch für Steven Spielbergs Biographie „Lincoln“, in der Daniel Day-Lewis den 13. Präsidenten der Vereinigten Staaten mimt. Dabei muss er nicht so auf den Putz hauen, wie es ein Joaquin Phoenix in Paul Thomas Andersons „The Master“ tut, so muss er auch nicht so aufbrausend aufspielen, wie der fabelhaft agierende Bradley Cooper in „Silver Linings Playbook“. Doch er verwandelt sich. Äußerlich. Innerlich. In Auftreten, Reaktion, Dialekt, Umgang. Das macht ihn trotz eines zurückhaltenden Spiels, welches sich seiner Rolle anpasst, zum heißesten Anwärter auf die nächste Oscartrophäe.

Amerika 2012: Das Land ist mehr den je gespalten. Tief in den undurchdringlichen Ideologiegrabenkampf verrannt, gönnen sich Demokraten und Republikaner keinerlei Gnade. Realitätsfern gehen hier Diskussionen zu, populistisch, beleidigend, verleugnend und ohne das als Fremdwort abgestempelte Wörtchen „Substanz“. Präsident Obama konnte sich, wie auch Präsident Lincoln im Bürgerkrieg, die Wiederwahl sichern, doch steht es um seine politischen Ziele so rosig, wie in seiner ersten Amtszeit. Sein politischer Gegner hält stur eine Art Blankocheck-Position des Boykotts inne. Eine Situation, in der sich Amerika auch zwischen 1861 bis 1865 befand. Der tagespolitische Bezug im historischen Werk von Steven Spielberg ist unverkennbar gegeben und die Parallelen zur aktuellen Situation so eindeutig, dass „Lincoln“ über den linearen Kontext einer Biographie hinauswächst. Vielleicht mag das Publikum aus den hitzigen Debatten, die Spielberg in „Lincoln“ in seinem Werk überragend zur Schau stellt, etwas mitnehmen, Einsicht gewinnen und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Innerhalb der 150 Minuten wird der Zuschauer Zeuge politischer Manipulation, der Magie und Schrecken rhetorischen Fähigkeiten und unerbittlichen Debatten, die mit ihrer Leidenschaft so manchen bei täglichen Bundestagsdiskussion eingeschlafenen Zuschauer Tränen in die Augen treiben wird.
Spielberg zeigt sein narratives Genie in voller Pracht, wie seine besondere Klasse als filmischer Epiker. Sein Werk wirkt auf seinen Zuschauer Teil etwas ganz Großen zu sein. Etwas Großes, was so politisch verwoben ist, wie die offensichtliche Korruption, die Präsident Lincoln billigt, um die nötige Mehrheit für seine politische Agenda der Einigung benötigt. Wie Stevens zum Ende hin gekonnt und ganz ohne Zynismus hinzufügt: „Unsere Freiheit ist auf das Charisma eines Mannes und Korruption gebaut“. Etwas minimalistisches, wie das Drama um seine scheidende Person als Familienvater, der sich in Konfrontation mit seinem Sohn, wie seiner Frau befindet. Kann er seinen Ältesten den Kriegsdienst verweigern? Kann er ihm verbieten seinen Einsatz für das Land zu tun, nur weil er seinen Jüngsten am Kindbett verlor? Es ist eine Zwickmühle, auf politischer, wie intimer Ebene, die Spielberg zu einem mitreißenden Werk veredelt.

Fazit Es ist die Ausgeglichenheit in der Darstellung, die auch Paradoxen zulässt und die Widersprüche eines Staatsmannes aufzeigt. Machtmensch und Familienvater, Kämpfer für die „Wiedergeburt der Freiheit“ und Gerechtigkeit. Ein vor dem Haus der Repräsentanten lügender Präsident. „Lincoln“ ist keine Huldigung. Er ist eine unkonventionelle, auf die entscheidende vier Monate im Leben des ermordeten Heiligtums konzentrierende Biographie, die schauspielerisch, wie erzählerisch einem Meisterwerk sehr Nahe kommt.





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