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Die Vermissten
Die Vermissten
© Filmgalerie 451

Kritik: Die Vermissten (2012)


Seit acht Jahren hat Lothar (André Hennicke) seine 14-jährige Tochter Martha (Paula Kroh) nicht mehr gesehen. Dann erfährt er durch einen Anruf von seiner Ex-Frau Silvia (Jenny Schily), dass Martha verschwunden sei. Anfangs wehrt er sich dagegen, dass seine Tochter nun wieder etwas mit seinem Leben zu tun haben soll. Längst lebt er mit einer Frau zusammen, die noch nicht einmal etwas von Martha weiß. Aber die Ungewissheit und auch sein schlechtes Gewissen lassen ihm keine Ruhe. Er begibt sich auf die Suche nach Martha und erfährt, dass in letzter Zeit viele Jugendliche verschwunden sind. Darunter ist sogar ein Junge von Marthas Schule. Außerdem war seine Tochter Mitglied einer Facebook-Gruppe, deren Symbol eine Ratte mit Flügen ist. Spätestens an dieser Stelle erhärtet sich der Verdacht des Zuschauers, dass eine obskure Gruppierung hinter Marthas Verschwinden steckt – ein moderner Rattenfänger, der die Seelen der armen Kinder und Jugendlichen gewinnt. Dazu streut Regisseur Jan Speckenbach in seinem Film „Die Vermissten“ weitere Verdachts- und Spannungsmomente ein: Aufkleber von der fliegenden Ratte führen Lothar in ein Versteck im Wald, außerdem begegnet er der zwölfjährigen Lou (Luzie Ahrends), die ebenfalls in Kontakt mit dieser Gruppierung steht. Zugleich aber ist das Verhalten der Jugendlichen irritierend. Schon Lou war seltsam apathisch, auch Marthas beste Freundin nimmt deren Verschwinden gleichgültig auf.

Allmählich entwickelt sich die Vermutung, dass es in diesem Film nicht um einen gewöhnlichen Vermisstenfall geht. In dem Verhalten der Eltern ist bereits ein erstes Indiz auf die Ursachen von Marthas Verschwinden enthalten: Lothar behauptet, Silvia habe Martha für sich haben wollen. Aber sie entgegnet, dass er keine Verantwortung übernehmen wollte. Für Lothar ist Martha ein Störfaktor in der Zukunft mit einer neuen Frau, für Silvia ist ihre Tochter ein Eigentum, über das sie verfügen darf. Was wäre, wenn Martha keine Lust mehr hatte, einfach nur den Erwartungen ihrer Eltern zu genügen? Immer stärker drängt sich dieser Verdacht auf – und am Ende von Jan Speckenbachs Film steht eine äußerst beunruhigende, aber durchaus realistische Zukunftsvision.
Dabei spielt André Hennicke den Vater, der sich mit seinem eigenen Versagen und dem Verschwinden seiner Tochter auseinandersetzen muss, durchaus überzeugend. Anfangs ist er engagiert und zupackend, aber angesichts der wahren Zustände resigniert auch er. Und das ist vielleicht das Erschreckendste des Films: Die umfassende Gleichgültigkeit, mit der die Erwachsenen auf das Verschwinden der Kinder reagieren.

Die starke Geschichte des Films wird leider durch einige Brüche und unlogische Anschlüsse geschwächt. Marthas Mutter und Lothars neue Frau werden kurz eingeführt, spielen im weiteren Verlauf des Films jedoch keine Rolle, obwohl sie doch eine weitere Perspektive zu dem Geschehen beitragen könnten. Außerdem ist wenig realistisch, dass die Hintergründe über das Verschwinden noch nicht bekannt sind – und sich Lothar als einziger Erwachsener dafür zu interessieren scheint. Auch die Dialoge sind überwiegend holprig. Wenn Lothar beispielsweise Lous Eltern nochmals aufsucht, entwickelt sich ein formelhaftes Gespräch ohne Emotionen. Darüber hinaus ist Regisseur Jan Speckenbach allzu sehr um eine distanzierte Erzählhaltung und deutliche Symbolik bemüht: Immer wieder werden Vogelschwärme als Verboten des Unheils bemüht, selbst ein Geier ist zu sehen. Dadurch wird der Film einem Versuchsaufbau immer ähnlicher, und mit dem Verlust des Realismus wird auch die Brisanz dieser Dystopie geschwächt.

Fazit: „Die Vermissten“ ist ein Film, der einen sehr geduldigen Zuschauer mit einem nachdenklichen Ende belohnt. Aber angesichts der Originalität der Geschichte wäre mit einer weniger bemühten Inszenierung sehr viel mehr möglich gewesen.





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