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Kritik: Carlos - Der Schakal (2010)


Sein eigentlicher Name lautet Ilich Ramírez Sánchez – aber so nennt ihn schon lange keiner mehr. Er ist Carlos, der meistgesuchte Terrorist der 1970er und 1980er Jahre, verantwortlich für zahlreiche Anschläge in Europa. In seinem Biopic schildert Oliver Assayas den Aufstieg und Niedergang des Mannes, der über Jahrzehnte der Inbegriff für Terror und Tod war, und sein Film ist ein Erlebnis – bereits in der dreistündigen Kinofassung, weit mehr noch in der fünfeinhalbstündigen Version. Denn Assayas gewährt einen beeindruckenden Einblick in die Geschichte des internationalen Terrorismus.

Der Film setzt im Jahr 1973, im Moment der Radikalisierung des selbsternannten Freiheitskämpfers Carlos, ein. Er ist zu Gewalt bereit – und die palästinensische Befreiungsorganisation PFLP liefert ihm organisatorische und ideologische Rückendeckung. Erste öffentliche Aufmerksamkeit erhält Carlos durch die Ermordung französischer Agenten, doch sein nächster Auftrag macht ihn zum Star: Er soll die OPEC-Sitzung in Wien stürmen, die Ölminister als Geiseln nehmen und – als eigentliches Anschlagsziel – den iranischen und saudischen Vertreter töten. Doch der Plan funktioniert nicht, also entscheidet sich Carlos, die Geiseln gegen ein Lösegeld von 20 Millionen frei zu lassen. PFLP-Chef Wadi Haddad missbilligt Carlos‘ Handeln und schließt ihn aus seiner Organisation aus. Aber Carlos ist längst zu berühmt und berüchtigt, um darunter zu leiden. Er baut seine eigene Organisation auf und beginnt unter dem Schutz verschiedenster Geheimdienste und Auftraggeber, weitere Anschläge zu planen. Er agiert für Syrien, den Irak und Libyen. Längst ist er ein Auftragsmörder, ein bezahlter Söldner, dessen ideologische Motivation nur noch als Vorwand für sein Handeln dient.

Regisseur Oliver Assayas will mit seinem Film nicht ergründen, warum Carlos zum Terroristen wurde. Daher wird dessen biographischer Hintergrund auch ausgespart. Stattdessen erzählt Assayas mit viel dramaturgischem Gespür von den logistischen und organisatorischen Voraussetzungen der Attentate, von der Zusammenarbeit der verschiedenen Geheimdienste und den illegalen Geschäften in Europa. Dabei gelingt ihm die Balance aus Hintergründen und tatsächlichen Ereignissen sehr gut. Er reinszeniert nicht einfach medial bekannte Bilder, sondern erzählt tatsächlich eine Geschichte voller Details.

Dass der Film selbst im fünfeinhalbstündigen Director's Cut niemals langweilig wird, liegt aber nicht nur an Assayas‘ guter Regie und dem sehr gut gewählten Soundtrack, sondern darüber hinaus an den Darstellern. Hauptdarsteller Edgar Ramírez spielt Carlos mit großer Virilität und Charisma, ohne Scheu vor Entblößung. In einer bemerkenswerten Szene am Anfang des Films kehrt Carlos nach einem Attentat auf einen Londoner Unternehmer in seine Wohnung zurück, stellt sich nackt vor den Spiegel und fasst sich an den Schwanz. Er scheint regelrecht trunken von seiner Männlichkeit und seiner Potenz. Dieses Bild drückt Carlos‘ Narzissmus, sein Machismo eindrucksvoll aus. Im weiteren Verlauf des Films wird auf diese Szene immer wieder Bezug genommen. Dabei drückt Ramìrez Carlos‘ Wandlung mit großer Körperlichkeit aus.

Überragend sind in diesem Film auch die Nebendarsteller: Julia Hummer spielt ihre Aggressivität als Nada voll aus, ohne diese Figur in den Vordergrund zu rücken. Sie bleibt immer in ihrer Rolle, bis sie verzweifelt – und einen unvergesslichen schauspielerischen Moment schafft. Auch Nora von Waldstätten als Magdalena Koeppen ist großartig. Sie spielt diese elitär-revolutionäre, blasse Frau an Carlos‘ Seite mit einer nuancierten Mischung aus Rätselhaftigkeit und Hingabe. Bemerkenswert ist ebenfalls Christoph Bach als späterer Aussteiger Hans-Joachim Klein. Als einziger bekommt er moralische Skrupel, nachdem seine Genossen von den Revolutionären Zellen (RZ) bei einer Flugzeugentführung die israelischen und jüdischen Passagiere an der Rampe aussortiert haben, steigt er aus. Mit seinen Blicken macht er das Gehetztsein, aber auch die Angst von Hans-Joachim Klein deutlich.

Fazit: In seinem Biopic erzählt Oliver Assayas anhand des Aufstiegs und Niedergangs des schillernden Carlos von den Mechanismen des Terrorismus und der Faszination der Gewalt. Selten waren fünfeinhalb Stunden Film so spannend und interessant!





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