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Hüter meines Bruders
Hüter meines Bruders
© imFilm

Kritik: Hüter meines Bruders (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Hüter meines Bruders" ist der Debütfilm von Maximilian Leo, der bisher vor allem als Produzent von sich reden machte. So produzierte er u.a. die Erfolgs-Doku "Wer ist Thomas Müller?", die dem Phänomen des Durchschnittsdeutschen auf den Grund ging. "Hüter meines Bruders", der im Frühjahr 2013 in Deutschland und Holland gedreht wurde, eröffnete 2014 auf der Berlinale die Sektion "Perspektive Deutsches Kino". Mit seinem Erstling geht Regisseur Leo ganz universellen, allgemeingültigen Fragen nach der eigenen Identität und dem Sinn des Lebens nach.

Das traumwandlerische, hoch atmosphärische Drama "Hüter meines Bruders" macht es dem Zuschauer nicht immer ganz leicht. Mit Antworten geht der Film sparsam um, ebenso mit Erklärungen und Deutungsversuchen, die etwa das ominöse Verschwinden von Pietschi betreffen oder die Frage, was der verschollene Bruder z.B. beruflich genau gemacht hat oder was seine Freunde und Hinterbliebene zum Verschwinden sagen. Dennoch: lässt man sich ganz auf den Film mit seinem stimmungsvollen, schwelgerischen Elektro-Soundtrack und den langen Einstellungen ein, bekommt man es mit einem stillvoll inszenierten und künstlerisch höchst ansprechenden und anspruchsvollem Film zu tun.

"Hüter meines Bruders" kommt dabei ohne viele Schnitte aus, die Bildsprache ist ruhig und elegisch und auch gesprochen wird nicht gerade reichlich. Die Dialoge sind keine leeren Worthülsen oder Phrasen, sie haben Hand und Fuß, sind überlegt sowie sinnvoll platziert und stellen Fragen nach den großen Themen des Lebens: Macht dir dein Leben eigentlich Spaß? Macht es Sinn? Bist du glücklich? Dies sind solche Fragen, die auch Pietschi seinem Bruder eines Tages am Strand stellt. Kurz darauf verschwindet er spurlos.

Größere Bedeutung als der Dialogebene kommt in dem Film der musikalischen Untermalung zu, die sich auch dem Empfinden und Treiben der Hauptfigur anpasst: solange sich Gregor zu Beginn noch unsicher und bedächtig ins Privatleben seines Bruders vertieft - ohne zu wissen, wohin die Reise geht - bleibt auch der Soundtrack noch ein wenig zurückhaltend und melancholisch-balladesk. Sobald Gregor aber voll und ganz in seiner neuen "Identität" und dem neuen Leben aufgeht bzw. aufblüht, wird die Musik immer wieder auch lauter, druckvoller und aggressiver, oftmals von einem pumpenden Elektro-Beat vorangetrieben.

Auch darstellerisch überzeugt "Hüter meines Bruders", vor allem auch dank Sebastian Zimmler als eigentlich mit beiden Beinen fest im Leben stehender, geerdeter Bruder, der seine Sicherheiten und Annehmlichkeiten immer mehr hinterfragt. Fester Job, sicheres Einkommen, glückliche Ehe im idyllisch gelegenen Reihenhaus - ist es wirklich das, worauf es mir in meinem Leben ankommt? Eigentlich die zentrale Frage des Films, die sich ihm immer dringlicher stellt. Die Szenen, in denen er als Gregor die neu gewonnene Freiheit genießt und sein altes Leben abschüttelt, etwa beim Frisbee spielen im Park oder beim Steine werfen am Wasser, zeugen von dieser Glückseligkeit und sind voller emotionaler Kraft und Wucht.

Fazit: Kopflastige und oft bedeutungsschweres, aber ungemein atmosphärisches, betörend traumwandlerisches Drama über den Sinn des Lebens und die Frage nach der eigenen Identität. Vor allem auch wer die poetisch-spirituell angehauchten Filme von Terrence Malick ("Tree of life") schätzt, wird daran Gefallen finden.




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