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Der große Gatsby
Der große Gatsby
© Warner Bros.

Kritik: Der große Gatsby (2012)


Als F.S. Fitzgerald seinen Jahrhundertroman "The Great Gatsby" raushaute, befand sich die amerikanisches Wirtschaft im ungebremsten Aufschwung. Begriffe wie Heuschreckenkapitalismus und Zockermärkte existierten zwar nicht, doch an der Wall Street wurde bereits munter an jener Finanzblase gebastelt, welche nur wenige Jahre später die Weltwirtschaft in den Kollaps befördern sollte. Noch sprudelten aber die Aktienmillionen und die High Sociaty feierte rauschende Feste. In Fitzgeralds Roman ist es der legendenumwobene Geschäftsmann Jay Gatsby, dessen ebenso unerklärlicher wie überbordender Reichtum selbst die anderen Finanzschwergewichte in Erstaunen versetzte, der die imposantesten aller Supersize-Partys zu feiern pflegte."

Mehrfach ist dieser Roman, der sich einerseits als Mahnung über den durch Überfluss und Dekadenz verzerrten amerikanischen Traum erhebt und sich andererseits zu einer neoshakespearschen Romanze voller Tragik auswächst, verfilmt worden. Zuletzt wurde er fürs Kino adaptiert von Jack Clayton im Jahr 1974, mit Robert Redford und Mia Farrow. In der Neuauflage von Baz Luhrmann, der nach "Romeo und Julia" erneut mit Leonardo DiCaprio zusammenarbeitet, fallen sofort die reichhaltigen Bilder ins Auge. Visuelle Opulenz ist das Markenzeichen des neuen großen Gatsbys, der sich offensichtlich in der Bredrouille sieht, gegen das optische Getöse von Superheldenstreifen und Blockbuster-Effektgewitter antreten zu müssen; und so verwandelt er eine Geschichte, bei der es vor allem darauf angekommen wäre, die abgründigen Sehnsüchte der Figuren erfahrbar zu machen, in einen nicht enden wollenden Rausch der Sinne – natürlich dreidimensional konfektioniert.

Vollends in die Magengrube fährt die Show dem Publikum dann Dank massiver Beats und Hip-Hop-Klänge. Das soll helfen, die Leichtigkeit des Seins, die dem 20er-Jahre Swing anhaftete, in das zeitgemäße Lebensgefühl neureicher Gewinnler zu überführen, die außer einer halbseidenen Vergangenheit oft wenig vorzuweisen haben. Dabei geraten sowohl Story als auch Charaktere nahezu völlig ins Hintertreffen. Es dauert ohnehin lange, bis die Geschichte, die in Rückblenden aus der Erinnerung von Gatsbys einzigem Freund, Nick Carraway (Tobey Maguire), erzählt wird, zu sich findet – oder besser: halbwegs aus der Reizüberflutungsnarkose erwacht. Und dann bekommt endlich auch Leonardo DiCaprio seinen großen Auftritt, als er als geheimnisvoller Gatsby – Kapitän Ahab, J.R. aus Dallas und James Bond in Personalunion – die Bühne seines eigenen Rummelplatzes betritt.

In der Folge müht sich der Streifen etwas Mark und Substanz in all den Glitter und Puderzucker hineinzubefördern. Das gelingt auch zuweilen - was nicht zuletzt drei Darstellern geschuldet ist, zwischen denen die Chemie augenscheinlich hervorragend funktioniert. Tatsächlich schafft es DiCaprio sogar noch irgendwie glaubwürdig Gatsby ansatzweise ambivalent erscheinen zu lassen und ihm sowohl etwas an Doppelbödigkeit wie Zerrissenheit abzutrotzen. Ein paar Charmepunkte fährt er zusätzlich ein, als er sich als allmächtiger Mogul plötzlich wie ein unbeholfener Schuljunge bei seinem ersten Daten aufführt, während er auf seine unsterbliche Liebe Daisy (Carey Mulligan) wartet. Ob das aber für einen neuerlichen Versuch reichen wird, die Anwartschaft auf einen Oscar zu untermauern, bleibt jedoch abzuwarten.

Mit solcherlei Balast braucht sich Maguire hingegen nicht zu beladen. Seine Schauspielkunst erstreckt sich im Grunde (wieder mal) darauf, den netten Jungen von Nebenan zu mimen. Fast verwundert es inzwischen sogar, wenn er sich dabei nicht mit Peter Parker vorstellt. Den Gutmenschen hat er aber zugegebenermaßen außerordentlich gut drauf. Mulligan als fleischgewordener Traum müht sich zwar redlich mehr zu sein, als in ihr steckt. Und wenn sie tief traurig aus ihren großen Augen in die Ferne schaut, erwachen vermutlich in jedem Mann Beschützerinstinkte; doch irgendwie will sie letzten Endes nie ganz dem Typ kleine Schwester entwachsen und prädestiniert sich nicht wirklich als moderne Helena, für die Männer in den Krieg ziehen oder Schlösser und Kastelle errichten.

Fazit: Luhrmanns "Der große Gatsby" ist ein ekstatischer Sinnesreigen, der von seinen Bildern ebenso getragen wie dominiert wird. Das verhindert überwiegend, dass der Zuschauer mit den Figuren warm wird. Zuviel Zuckerguss überdeckt überdies weitestgehend die sozialkritischen Aspekte. Wer aber auf eine hochtourige 20er-Jahre Party aus ist, die von neuzeitlichen Rhythmen angeheizt und mit einer tragischen Romanze garniert wird, könnte sich dennoch gut unterhalten fühlen.





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