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Anna Karenina
Anna Karenina
© Focus Features

Kritik: Anna Karenina (2012)


Lieber im Nachhinein bereuen als von vorneherein zu verzichten ist das Lebensmotto von Gräfin Wronskij (Olivia Williams), der Anna Karenina auf der Zugreise zu ihrem Bruder Oblonskij (Matthew MacFayden) begegnet. Die Gräfin hat mit ihren Affären bereits für einiges Aufsehen in der Moskauer Gesellschaft gesorgt, genießt ihr Leben aber offensichtlich. Anna hat sich hingegen bisher an die Konventionen gehalten und war ihrem angesehen Mann eine gute Ehefrau. Dann begegnet Anna am Bahnhof Gräfin Wronskijs Sohn Alexej zum ersten Mal. Er ist ein attraktiver, junger Mann und bekannter Schürzenjäger, an den auch Kitty (Alicia Vikander), die jüngere Schwester von Annas Schwägerin Dolly (Kelly MacDonald) ihr Herz verloren hat. Deshalb weist sie den Antrag des aufrechten Levin (Domhnall Gleeson) zurück und bricht ihm das Herz. Auf dem Ball aber bemerkt nicht nur Kitty, dass Graf Wronskij nur Augen für Anna Karenina hat. Diese Leidenschaft fasst Joe Wright in einen streng choreographierten Tanz mit dezidierten Handbewegungen, die sowohl die wachsende Anziehung als auch die unterdrückten Gefühle des Tanzpaares ausdrücken.

Ohnehin bekommt die Formulierung "theaterhafte Inszenierung" durch Joe Wrights Film eine neue Bedeutung. Von Anfang an erinnert "Anna Karenina" an ein Theaterstück. Das erste Bild des Films zeigt eine Bühne, deren Papp-Vorhang sich öffnet. Es werden Kulissen geschoben, Kostüme getragen und häufig wird auf den Inszenierungscharakter hingewiesen: Büroangestellte stempeln in einem synchronen Rhythmus, stehen einer Choreographie gleich auf, Szenenwechsel sind zu erkennen – und bei dem berühmten Pferderennen werden unter anderem Papptiere eingesetzt.

Im Verlauf des Films nimmt die Betonung des Theaterhaften insbesondere in den Szenen ab, in denen die Beziehung von Kitty und Levin behandelt wird. Sie glauben beide an die Liebe, sind aber letztlich beide klug genug, sie von Leidenschaft zu unterscheiden. Dadurch betont Joe Wright die Natürlichkeit in ihrer Beziehung, aber auch ihrer Lebensweise auf dem Land, weitab von St. Petersburg und Moskau. Dagegen ist der Inszenierungscharakter besonders in den Szenen präsent, in denen die Reaktion der Gesellschaft auf Anna gezeigt wird. Hier entlarven Joe Wright und das Drehbuch von Tom Stoppard die Rollen und die Unechtheit der vornehmen Gesellschaft, indem er sie als solche auch zeigt. Vor allem aber sorgt er mit dieser bewussten Künstlichkeit dafür, dass diese leidenschaftliche und tragische Geschichte der Weltliteratur ohne Kitsch erzählt wird – und das ist zweifellos ein großer und unerwarteter Verdienst dieses Films.

Dennoch erlauben die opulente Ausstattung (Kostümdesign: Jacqueline Durran) und bemerkenswerte Musik (Dario Marianelli) ein Hineinversetzen in die Zeit, ohne dass sich der Zuschauer dort völlig verliert. Stets ist er gewahr, dass es sich um eine Inszenierung handelt, dennoch wird im Zusammenspiel mit der überwiegend überzeugenden Besetzung dieser Film niemals blutleer oder langweilig. Insbesondere Keira Knightley ist in der Hauptrolle bemerkenswert. Es ist nach "Stolz und Vorurteil" und "Abbitte" ihre dritte Zusammenarbeit mit Joe Wright und augenscheinlich fühlt sie sich bei ihm – und in dem stützenden Korsett einer literarischen Figur – gut aufgehoben. Nach zuletzt wenig nuancierten Auftritten überzeugt sie als eine Frau, die alles aufgibt, um einem Mann nahe zu sein. Dieser Mann ist leider einer der wenigen Schwachpunkte des Films: Aaron Taylor-Johnson bringt nicht viel Charisma in diese Rolle ein, so dass es schwer nachzuvollziehen ist, warum die Frauen ihm reihenweise verfallen. Es gelingt ihm nicht, Graf Wronskij ausreichend Profil zu verleihen. Dagegen überzeugt Jude Law als Karenin auf ganzer Linie. Er spielt den russischen Bürokraten kontrolliert und nüchtern, akzentuiert zudem dessen großzügige Seite, mit der er – um einen Skandal zu vermeiden – seiner Frau einen Ausweg aus ihrer Affäre anbietet. Diese Interpretation der Rolle ist ebenso interessant und risikoreich wie Joe Wrights Inszenierung von Tolstois Klassiker. Daher beschert dieser bemerkenswerte Film ein Kinoerlebnis voller Schauwerte.

Fazit: Joe Wrights "Anna Karenina" ist eine mutige Literaturverfilmung, bei der sich das eingegangene Risiko voll auszahlt. Sehenswert!





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