VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Liebe (2012)


Nur am Anfang zeigt die Kamera in "Liebe" das Geschehen außerhalb der Wohnung des älteren Ehepaares Anne (Emmanuelle Riva) und Georges (Jean-Louis Trintignant). Sie sitzen in einem Saal und warten auf den Beginn des Konzerts von Annes ehemaligen Schüler Alexandre (Alexandre Tharaud), der mittlerweile ein gefeierter Pianist ist. Danach kehren sie mit der Straßenbahn in ihre Wohnung zurück, Anne geht ins Bett und Georges trinkt noch ein Glas Wein. Sie haben sich eingerichtet in ihrem Ruhestand und führen ein kultiviertes Leben zwischen Büchern und klassischer Musik. Doch dann verschlechtert sich Annes Gesundheitszustand, sie ist abwesend, erinnert sich nicht und erleidet einen Schlaganfall. Anfangs ist eine Körperhälfte gelähmt und im Verlauf der nächsten Wochen, Monate oder auch Jahre – der Zeitverlauf ist kaum auszumachen – wird sie bettlägerig und immer pflegebedürftiger. Anfangs kümmert sich Georges alleine um seine Frau, später benötigt er die Hilfe einer Pflegerin.

In konzentrierten Bildern erzählt Michael Haneke von dem Leben dieser Liebenden, das durch Annes langsamen Sterben zu Ende geht. Eindrucksvoll spielt Emmanuelle Riva den schrittweisen körperlichen und geistigen Verfall, Annes anfängliches Hadern mit ihrem Zustand, ihren Wunsch zu sterben und die geistige Abwesenheit. Dabei harmoniert sie mit Jean-Louis Trintigant, der Georges Bemühungen sehr glaubwürdig verkörpert. In jeder Geste und jedem Gesichtsausdruck ist dieses Paar erkennbar, dessen Leben aus Liebe und Respekt bestand – und das nun in eine völlig neue Situation gebracht ist. Dabei vollzieht der Zuschauer beim Sehen nach, wie sich Georges immer mehr in sich und damit auch in die Wohnung zurückzieht. Je mehr er sich auf die Pflege seiner Frau konzentriert, desto unfähiger wird er, über ihren Zustand und seine Empfindungen zu sprechen. Sehr eindrucksvoll wird das deutlich, als er einen Besuch seiner im Ausland lebenden Tochter Eva (Isabelle Huppert) als Einbruch empfindet und sogar versucht, ihr den Besuch ihrer Mutter zu verwehren. Mit jedem Besucher bricht ein alltägliches Leben in diese Zweisamkeit ein, an dem er aber nicht mehr teilnimmt. Vielmehr ist mit Annes zunehmendem Verfall auch seine Bereitschaft zur Kommunikation verkümmert.

Michael Hanekes Kammerspiel über die Liebe und das Sterben ist spröde inszeniert, dadurch wird der Zuschauer nicht mit Emotionen überwältigt, sondern dieser Film schleicht sich langsam in einen hinein. Das Sehen erfordert Ruhe, Konzentration und die Bereitschaft, sich auf diesen leisen Film einzulassen. Dann nimmt er gefangen – und berührt ungemein. In Erinnerung bleibt außerdem weniger das Sterben als Eva, die beim Ansehen eines alten Fotoalbums sagt: "Es war schön, das Leben."

Fazit: Ein spröder Film über die Liebe und das Sterben, der einen lange über das Gesehene nachdenken lässt.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.