VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Godard trifft Truffaut
Godard trifft Truffaut
© barnsteiner-film

Kritik: Godard trifft Truffaut (2010)


Bei den Filmfestspielen von Cannes im Jahr 1959 stellte François Truffaut seinen Film "Sie küssten und sie schlugen ihn" vor. Nachdem er ein Jahr zuvor noch als Filmkritiker von dem Festival ausgeschlossen wurde, erhält er nun für seinen Debütfilm den Preis für die beste Regie. Aber dieser Film ist weit mehr als ein aufregendes Erstlingswerks: Er markiert den ersten sichtbaren Höhepunkt der "neuen Welle", der "Nouvelle Vague", im französischen Kino. Diese Bewegung bedeutete die Abkehr vom Kommerz- und Hinwendung zum Autorenfilm. Mit ihr sind Namen wie Claude Chabrol, Eric Rohmer und Jacques Rivette verbunden. Im Zentrum aber stehen François Truffaut und Jean Luc Godard.

Die Freundschaft dieser außergewöhnlichen Regisseure dient Emmanuel Laurent und seinem Drehbuchautor Antoine de Baecque in "Godard trifft Truffaut - Deux de la Vague" vornehmlich als Anlass, einen Dokumentarfilm über die Nouvelle Vague zu drehen. Fraglos ist die Verbindung dieser Ausnahmeregisseure dazu bestens geeignet. Beginn und Ende der Freundschaft markieren auch den Anfang und das Ende dieser Bewegung, darüber hinaus sind sie die Protagonisten.

Doch die Freundschaft von Godard und Truffaut ist auch ohne dieses Bezugsfeld ein spannendes Thema. Die Regisseure sind höchst unterschiedlich: Godard ist in einem großbürgerlichen Umfeld in der französischen Schweiz aufgewachsen, Truffaut stammt aus einem armen Elternhaus. Mit seinen Filmen will Godard die Mythen der Vergangenheit zerstören, Truffaut will den Film authentischer machen. Aber sie verbindet die Liebe zum Kino. Schon als Kind war das Kino für sie eine Zufluchtsstätte. Außerdem begannen beide ihre Karriere als Filmkritiker bei den "Cahiers du cinéma" und huldigten Vorbildern wie Alfred Hitchcock. Als erster bricht der zwei Jahre jüngere Truffaut in seinem Film "Sie küssten und sie schlugen ihn" mit den herrschenden Regeln – und ruft mit seinem Film heftige Reaktionen hervor. Daraufhin unterstützt er Godard bei seinem Debüt und stellt ihm sein Drehbuch zur Verfügung, das Godard unter dem Titel "Außer Atem" verfilmt. Dieser Film macht Jean Paul Belmondo zum Star – und verschafft der Nouvelle Vague den endgültigen Durchbruch. Die gegenseitige Unterstützung dieser Ausnahmeregisseure hielt noch bis zum Boykott der Filmfestspiele von Cannes als Folge der Mai-Unruhen 1968 an. Aber sie zogen unterschiedliche Konsequenzen aus den Aufständen – und entfremdeten sich. Zum endgültigen Bruch kam es, als Godard im Jahr 1973 Truffauts "Eine amerikanische Nacht" heftig kritisierte und ihm Verrat an der gemeinsamen Sache vorwarf.

Emmanuel Laurent erzählt in "Godard trifft Truffaut - Deux de la Vague" die Geschichte dieser Freundschaft mit viel Archivmaterial aus Zeitungen und Filmen, das von einer fiktiven Rechercheurin (Isild Le Besco) gesichtet wird. Aber dieser Beitrag zur Dramatisierung wirkt in dem gradlinigen Film unmotiviert, weil Emmanuel Laurent selbst aus dem Off als Erzähler auftritt. Das verstärkt den Eindruck, hier einen informativen Film für filmhistorisch interessierte Zuschauer zu sehen, die vermutlich aber bereits einiges über diese Bewegung wissen. Daher ist es schade, dass nicht mehr über deren Wirkung im französischen Kino zu erfahren ist – zumal mit Isild Le Besco nicht nur eine der interessanten französischen Schauspielerinnen, sondern auch Regisseurinnen der Gegenwart in diesem Film mitwirkt.

Fazit: "Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague" ist ein Lehrfilm über die Nouvelle Vague, der darüber hinaus einen Blick auf die Bedeutung des Films in Frankreich erlaubt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.