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Kritik: Agnes (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Nach zwei viel gelobten Kinderfilmen ("Blöde Mütze!", "Wintertochter") widmet sich Regisseur Johannes Schmid nun einem Erwachsenendrama. Es erzählt, nach dem gleichnamigen Roman von Peter Stamm, von der Beziehung eines Schriftstellers zu einer Frau. Der Mann verarbeitet die Liebe literarisch und setzt sie nach neun Monaten als sein Werk in die Welt. Roman und Wirklichkeit befinden sich in Konkurrenz, driften auseinander und finden wieder zusammen. Dabei fragt sich nur, ob die realen Personen die Fantasiewelt noch unter Kontrolle haben. Die kopflastige, schwermütige Geschichte veranstaltet ein Rätselspiel, das seine Fährten in verschiedene Richtungen legt. Es wird von einer Montage, die permanent zwischen Gegenwart, Rückblenden und imaginierten Einschüben wechselt, lebhaft unterstützt. Bald kann auch der Zuschauer nicht mehr genau sagen, ob er gerade den wirklichen Charakteren folgt oder einer Einbildung des Schriftstellers.

Agnes ist von Anfang an von Geheimnissen umgeben: Medikamente in ihrer Schublade, eine plötzliche Bewusstlosigkeit, ihre bangen Fragen, die um den Tod kreisen, legen nahe, dass ihre Tage gezählt sein könnten. Dann wiederum hat es den Anschein, als sei Agnes einfach nur sehr empfindsam. Sie erlebt alles sehr intensiv, auch ihre Liebe zu Walter. Von ferne werden Erinnerungen an "Die Spitzenklöpplerin" mit der jungen Isabelle Huppert wach. Agnes verfügt über einen so seelenvollen, verletzlichen Blick, als wäre sie nicht ganz von dieser Welt. Zugleich stellt sich die Frage, ob Walter, der anfangs so vernünftig wirkt, genügend Aufmerksamkeit und Verständnis für Agnes aufbringt. Die Inszenierung fokussiert sich auf die permanente Kluft zwischen Agnes und Walter, die beide introvertiert sind. Offenbar hoffen beide, dass der Roman sie überbrücken soll. Allerdings gewinnen die Charaktere im Verlauf des Films nicht an Kontur und die Darsteller beschränken sich allzu oft auf gedankenverlorene, irgendwie traurige Blicke.

Auf solch einen Blick Walters folgt dann oft ein Sprung zurück auf der Zeitachse, so dass es bald konkurrierende Varianten desselben Geschehens gibt: Was geschah wirklich in der Klinik, wie hat das Paar Weihnachten und Silvester tatsächlich gefeiert? Manchmal ruckeln die Bildfolgen ein wenig, aber sind es nun Erinnerungen, Wunschfantasien oder eine Mischung aus beidem? Für ein Drama, das der Film zweifellos sein will, verharrt er zu sehr im Ungewissen, so dass keine emotionale Fallhöhe entsteht. Man erfährt einfach zu wenig darüber, was mit Agnes und Walter los ist.

Fazit: Johannes Schmid inszeniert die Geschichte einer Liebesbeziehung und ihrer parallelen literarischen Verarbeitung als rätselhaftes, forderndes Vexierspiel zwischen Realität und Fantasie. Das schwermütige Drama, das auf dem gleichnamigen Roman von Peter Stamm basiert, wirkt aufgrund seiner in sich gekehrten, geheimnisvollen Charaktere reichlich unklar. Dadurch fehlt es ihm an einer überzeugenden emotionalen Fallhöhe.





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