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Ludwig II - Poster
Ludwig II - Poster
© Warner Bros.

Kritik: Ludwig II (2011)


Der Reiz der deutschen Historie und ihrer Persönlichkeiten nimmt nicht ab. Ganz im Gegenteil. Unsere charismatischen Anführer sind in der öffentlichen Wahrnehmung ungebrochen populär. So wurde ihnen zum Beispiel gleich eine mehrteilige TV-Dokumentation gewidmet! Guido Knopp und das ZDF klapperten alles ab, was man in der deutschen Geschichte finden kann. Nur einer erhielt, trotz seiner hohen Bedeutung und seiner andauernden Beliebtheit, auch 125 Jahre nach seinem Tod, keine knopp‘sche Dankesrede: Der bayerische König Ludwig II., der mit 18 den Thron bestieg und ihn erst wieder in einer Zwangsjacke verließ. Was das ZDF und TV-Historiker Knopp verpasst haben, setzt nun Regisseur Peter Sehr in seiner gewaltigen Produktion "Ludwig II." um, die sich dem gesamten Leben des charismatischen, wie zerrissenen Charakters widmet. 130 Minuten deutsches Reinheitsgebot des Films darf der Zuschauer erleben. Dabei darf er unter den vielen bekannten Gesichtern auch einen Neuling begrüßen: Sabin Trambea, der den jungen Ludwig mimt, hat bisher lediglich in einem Polizeiruf mitgewirkt und darf nun als der deutsche Ralph Fiennes seine Bewährungsprobe abliefern.
Sie gelingt, wie sie missglückt. Trambea überzeugt, auch wenn er oftmals stoisch wirkt und zum Beispiel vom erfahrenen Tom Schilling ohne Probleme an die Wand gespielt wird. Doch das Problem liegt nicht bei ihm, sondern am Konzept des Films. Mit historischer Korrektheit reißt Regisseur Sehr jeden Winkel der Biografie an, ohne dabei in die Tiefe zu gehen.

Sehr bemüht sich von Sekunde eins an, dem deutschen Klischeefilm nicht zum Opfer zu fallen. Sein Kinofilm gibt sich keine Blöße und schafft es, sich vom gängigen Fernseh-Niveau abzugrenzen. Dies liegt nicht nur an den authentischen Requisiten, sondern besonders am stattlichen Budget von ca. 16 Millionen Euro. Optisch kann das Werk also imponieren, wie es versteht, die Zeit um 1864 zum Leben zu erwecken. Hier spielt die enge Zusammenarbeit mit dem Historiker Dr. Gerhard Immler eine entscheidende Rolle, der gemeinsam mit Sehr und seinem Team ein differenziertes Bild eines "großen Deutschen" zeichnet. "Ludwig II" schafft es das Bild des Monarchen zu entmystifizieren und auf den Boden der Tatsachen herunterzuholen. Gar die unterdrückte Homosexualität des Königs erhält Einzug in Sehrs Film, der seiner Hauptfigur nicht glorifizieren möchte. Dies wäre nicht nur viel zu plump und leicht durchschaubar, sondern vor allem unwürdig einer so großen Produktion.

Wie ein Damoklesschwert hängt aber die Bandbreite der Biografie drohend über dem Film. Viel zu viele Stationen versucht Sehr einzubringen, mal historische, mal politische oder auch nur private Anekdoten. Sein Werk ist der Versuch umfangreich und detailliert zugleich zu sein, was aber trotz aller Mühen bei einer Spielzeit von 130 Minuten nicht aufgehen kann. Besonders nicht, wenn man sich zu Beginn des Films so viel Zeit lässt, dass man durch die einzelnen Passagen späterer Abschnitte nur so hetzen muss. Selten geht "Ludwig II" in die Tiefe und wenn, fordert er seinem Zuschauer nicht viel ab.
Sehr gibt sich zwar Mühe seine Figur von allen Seiten zu porträtieren, läuft mit seiner Inszenierung aber ins offene Messer. Immer nimmt er den Zuschauer an die Hand, er markiert jegliche surreale Traumsequenz mit einer speziellen Farbgebung und macht immer deutlich, wo genau in der Geschichte der Zuschauer sich jetzt befindet, dabei wäre gerade bei einer so schillernden Figur wie Ludwig II. gelegentliche Desorientierung vielleicht ein probates Mittel gewesen, auf den Charakter einzugehen. Und gerade die Charakterzeichnung verläuft ab und zu etwas holprig. So wird Ludwigs steigende Selbstüberschätzung und der ausgeprägte Nazismus nicht in Einklang mit diesem schüchternen, liebevollen, wie introvertierten jungen Mann gebracht. Hier zeigt der Film das bekannte Problem großaufgezogener deutscher Produktionen: Viel optischer Firlefanz, aber keine Koryphäe in Sachen Drehbucharbeit. Da können dann auch die bekannten Gesichter des deutschen Films - Edgar Selge, Justus von Dohnanyi, Samuel Finzi, Tom Schilling, Uwe Ochsenknecht oder Katharina Thalbach – nichts ausrichten.

Fazit: Peter Sehrs "Ludwig II." ist ambitioniert, doch die Verfilmung einer bis heute schillernden Biografie mag nicht gelingen, weil sie zu breit angelegt ist und dabei nicht in die Tiefe geht. Nicht, dass eine 10-teilige Doku im ZDF besser gewesen wäre - doch etwas ausgereifter und tiefgründiger hätte es schon sein können.





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