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Play - nur ein Spiel?
Play - nur ein Spiel?
© Fugu Filmverleih

Kritik: Play - nur ein Spiel? (2011)


Im Zentrum der Handlung von „Play“ steht eine Gruppe schwarzer Jugendlicher aus Göteborg, die auf den ersten Blick aussieht, wie fast alle anderen Teenager im Alter zwischen 12 und 15 Jahren. Gelangweilt und orientierungslos laufen sie durch die Straßen der Innenstadt und wissen nicht, wie sie ihre Zeit sinnvoll nutzen sollen. Doch sie scheinen nur wie eine Gruppe harmloser, jugendlicher Streuner zu sein. Es sind in Wahrheit Teenager, die einer umtriebigen Jugendbande angehören und sich darauf spezialisiert haben, Kindern aus der weißen Mittelschicht mit fiesen Tricks Handys und andere Wertgegenstände zu rauben. Organsiert ziehen sie durch die Straßen und genießen es, mit ihren Opfern ein hinterhältiges psychologisches Spiel zu treiben, die sich zumeist in den labyrinth-artigen Gassen der Stadt verlaufen haben. Die Betroffenen kommen aus gutem Hause und ihre Eltern haben Geld. Im Gegensatz zu ihnen, haben die Mitglieder der Jugendbande keine gesicherte Zukunft – und das lassen sie diese auf brutale Weise spüren.

„Play“ ist der dritte Spielfilm des schwedischen Regisseurs und Drehbuchautoren Ruben Östlund, der in seinem Film die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte einer afrikanischen Unterschichtbande erzählt, die durch dubiose Tricks weiße Mittelschichtkinder bestiehlt und demütigt. Der Film basiert auf einer tatsächlichen Serie von Übergriffen, die eine Bande von Jugendlichen zwischen 2006 und 2008 in Göteborg verübte. Östlund nahm sich Gerichtsakten vor und führe zahlreiche Interviews, mit deren Hilfe er die Taten genaustens analysieren konnte und sie schließlich zur Grundlage seines Drehbuches machte. Nachdem der Veröffentlichung des Films, war der Regisseur fast täglich neuen rassistischen Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt.

Tatsächlich ist „Play“ aber kein rassistischer Film, im Gegenteil. „Play“ spielt lediglich mit Klischees und den Vorurteilen der Zuschauer, und seziert auf penibel genaue und erschreckende Weise, wie die Jugendlichen mit psychologischen Tricks und Spielchen ihre Opfer brechen. Dafür nutzt Östlund einen minimalistischen Inszenierungsstil, der dem Kinobesucher keine Meinung aufdrängt sondern ihn einzig zum ohnmächtigen Voyeur verkommen lässt, der nichts machen kann außer tatenlos bei den Verbrechen zuzusehen.

Das wirkungsvollste Stilmittel, dessen sich Regisseur Östlund bedient, ist die reduzierte Kameraarbeit, mit der er die dreisten Taten der Bande provokant genau darstellt und damit den Kinobesucher mit den exakt geplanten Verbrechen auf brutale Weise konfrontiert. Schon die erste Szene verdeutlicht dies nachhaltig: Eine starre, regungslose Kamera fokussiert eine öffentliche Shopping-Mall und beobachtet, wie die fünfköpfige Jugendbande Schwarzer mit Einschüchterung und perfiden Spielchen, Kindern aus der Mittelschicht Handys und Wertgegenstände raubt. Die Opfer befanden sich gerade, nichts Böses ahnend, auf harmloser Einkaufstour und wollten ein paar schöne Stunden in der Stadt verbringen. Östlund macht es dem Zuschauer dabei alles andere als leicht. Hilflos muss er dabei zusehen, wie die Jugendbande ihre Opfer in heimtückische, psychologische Rollenspiele verwickelt, in denen es mehr um die Erzeugung von Angst als den Einsatz tatsächlicher Gewalt geht. Wenn sich die Kamera dann doch einmal bewegen sollte, dann geschieht dies sachte und ruhig. Dabei kommt es mitunter vor, dass die Hauptpersonen vollständig aus dem Bild verschwinden und man lediglich die Dialoge hört bzw. die Übersetzung eingeblendet bekommt. Man durchschaut das Spiel der Bande recht schnell und würde die Jugendlichen nur allzu gern aus ihrer misslichen Lage befreien, Östlund zwingt einen jedoch, die Verbrechen von Anfang bis Ende – ebenso wie die Opfer – zu durchleiden.

Für ein gehöriges Maß an Realismus sorgt die Tatsache, dass viele der beteiligten Jugendlichen Laien-Darsteller sind, die authentisch, unverkrampft und unvoreingenommen ihre Rollen verkörpern. Die Darsteller wurden im Vorfeld des Films in ausführlichen Proben gecastet. Der Film spielt dabei geschickt mit Vorurteilen und Klischees: „natürlich“ sind es die schwarzen Jugendlichen aus der Unterschicht, die die weißen Teenager aus der Mittelschicht demütigen und bestehlen. Sollte man sich als Zuschauer dabei erwischen, dass einen diese Rollenverteilung in keinster Weise wundert oder man schon damit gerechnet hat, dann führt Östlund einem diese voreingenommene Meinung und Ansicht schonungslos vor Augen. Erschreckend ist zudem mit anzusehen, wie mitleidlos die Bande ohne zu zögern ihre Verbrechen durchzieht. „Play“ gelingt es somit beinahe, den Kinozuschauer mit den Opfern der verbrecherischen Taten auf eine Stufe zu stellen. Beide sind der Jugendbande hoffnungslos ausgeliefert.

Was man dem Film einzig vorwerfen kann ist die unnötige Parallelhandlung eines herrenlosen Kinderbettes in einem Zugabteil, die dem Film wohl noch einen humoristischen Einschlag einverleiben sollte. Dies wäre nicht nötig gewesen, schadet dem Film alles in allem aber nicht wirklich und ist zu verschmerzen. Fazit: „Play“ ist eine vielschichtige, minimalistisch gefilmte Studie über die psychologisch ausgefeilten Taten einer Jugendbande in Schweden, die durch authentische Darsteller und die schonungslos realistische Darstellung der Verbrechen überzeugt.




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