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Das Glück der großen Dinge
Das Glück der großen Dinge
© Pandastorm Pictures

Kritik: Das Glück der großen Dinge (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Vorlage zu „Das Glück der großen Dinge“, dem neuen Film des Regie-Duos Scott McGehee und David Siegel, liefert der 1897 veröffentlichte Romanklassiker „Maisie“. Henry James schildert darin nicht nur die damals neuartige Idee des gemeinsamen Sorgerechts, sondern erzählt von einer Scheidung, die vor allem ein „Opfer“ kennt: die im Mittelpunkt der Geschichte stehende Tochter. Ob in der Literatur oder im Kino, immer wieder hat es eindringliche Scheidungsberichte gegeben – man denke nur an die wirkmächtige Leinwandadaption „Kramer gegen Kramer“ (1979) mit Meryl Streep und Dustin Hoffman in den Hauptrollen. Was in vielen Werken allerdings nur randständig behandelt wird, ist die Sicht des Kindes, für das die Trennung der Eltern einen gewaltigen Einschnitt bedeutet. Wie seine Romanvorlage auch trägt „Das Glück der großen Dinge“ gerade dem kindlichen Blick umfassend Rechnung.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist es die Perspektive der kleinen Maisie, die den Film bestimmt. Durch ihre Augen sieht der Zuschauer die tiefgreifenden Veränderungen, die mit der Scheidung ihrer Eltern einhergehen. Die Reaktionen des Mädchens pendeln zwischen Staunen und Unverständnis. Und es scheint, als könne Maisie die Konsequenzen der Trennung in ihrer ganzen Tragweite noch nicht begreifen. Sie ist gefangen zwischen einer Mutter und einem Vater, die ihre Tochter lieben, ihr dennoch eine unglaubliche Bürde auflasten. Wie so oft, wenn familiäre Träume zerbrechen, sind die Eltern nicht in der Lage, auf ihr Kind Rücksicht zu nehmen. Mehr noch: Maisie wird zum Verhandlungsgegenstand, ein Objekt, das man beliebig hin- und herschieben kann. Gerade der kindlich-unvorbelastete Blick lässt die Ungeheuerlichkeiten des elterlichen Verhaltens deutlich werden. Bestechend sind vor allem die Momente, in denen die Erwachsenen ihr verantwortungsloses und ichbezogenes Handeln zu erklären versuchen, jedoch kläglich scheitern. Das Einzige, was sie hervorbringen, ist hilfloses Gestammel – ein klares Zeichen der eigenen Unsicherheit.

Umso erstaunlicher ist es, dass all die Rückschläge, all die Vernachlässigungen Maisies unbekümmertes Wesen nicht ernsthaft brechen können. Großen Anteil daran haben nicht zuletzt Margo und Lincoln, die sich nach anfänglichen Schwierigkeiten zu einer Art Ersatzfamilie entwickeln. Unerwartete Zeichen der Hoffnung werden sichtbar, ohne dass sie billig oder sentimental in Szene gesetzt würden. Auf nachdenklich stimmende Bilder folgen witzige Szenen. Und getragen wird all dies von einem durchweg überzeugenden Darstellerensemble.

Ganz ohne Schwächen kommt auch „Das Glück der großen Dinge“ nicht aus. Die erschreckend abwesenden Elternfiguren sind insgesamt vielleicht ein wenig zu sehr nach dem Drehbuchsetzkasten entworfen. Überdeutlichkeit ist manchmal ein probates Mittel, führt am Ende aber oft in die Sackgasse des Klischees. Trotz dramaturgischer Unebenheiten im letzten Drittel läuft der Film auf ein dezent-beeindruckendes Finale hinaus. Maisie, die vormals stets zurückhaltende Beobachterin, kann hier einmal selbst entscheiden, was ihr wichtig ist.

Das auf einem Roman von Henry James basierende Drama „Das Glück der großen Dinge“ liefert einen präzisen wie berührenden Einblick in das tiefgreifend veränderte Leben eines Scheidungskindes. Ungeachtet kleiner Unstimmigkeiten in Figurenzeichnung und Dramaturgie, lohnt der Film den Gang ins Kino allemal.




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