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Hannah Arendt
Hannah Arendt
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Kritik: Hannah Arendt (2011)


Im Mittelpunkt von Margarethe von Trottas Film "Hannah Arendt" steht das Denken – und das ist filmisch nicht leicht einzufangen. Daher sind oft lange Aufnahmen von Hannah Arendt (Barbara Sukowa) zu sehen, wie sie nachdenklich aus dem Fenster blickt oder auf ihrem Sofa liegt und sich eine ihrer unzähligen Zigaretten ansteckt. Diese Bewegung, mit der sie die Zigarette in den Mund führt, zum Feuerzeug greift und sie anzündet, wird fast zu einer Bebilderung ihres Denkens. Dabei gelingt es Margarethe von Trotta zwar, sich den Gedanken Hannah Arendts anzunähern, inszenatorisch bleibt ihr Film aber altbacken.

Als Hannah Arendt im Jahr 1961 nach Jerusalem geht, um von dem Eichmann-Prozess zu berichten, will sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, diesem Mann gegenüberzustehen. Während des Prozesses ist sie dann vor allem von der Mittelmäßigkeit Eichmanns erstaunt. Vor ihr sitzt nicht das personifizierte Böse, sondern ein Technokrat, der sich der Argumentation bedient, er habe lediglich Befehle befolgt. Ihm dient der Treueschwur als Rechtfertigung für seine Taten, Gehorsamkeit ist für ihn eine Frage der Ehre. Die montierten Originalaufnahmen des Prozesses machen Hannah Arendts Interpretationen und Überlegungen nachvollziehbar – und sie gehören zu den Höhepunkten des Films.

Nach ihrer Rückkehr kämpft sie in New York mit dem Material zu dem Prozess und entwickelt ihre These von der "Banalität des Bösen". Sie führt aus, dass das Böse im Nationalsozialismus eine neue Dimension erreicht hat, weil nicht mehr ein einzelner Mensch etwas Böses tat, sondern ein abstraktes System den Einzelnen entmenschlicht und ihn zu einem Teil einer Vernichtungsmaschinerie gemacht hat. Moral und Denken sind hier abwesend. Daher gibt es gegen das Böse nur ein Mittel: das kritische Denken. Und dazu gehört, dass man sich der Wahrheit mit allen Konsequenzen verpflichtet und durch eine Analyse der Wirklichkeit zu Schlüssen kommt. Deshalb kritisiert Hannah Arendt auch die von den Nationalsozialisten eingesetzten "Judenräte" und ihre Rolle innerhalb dieses Systems. Ihre Artikel im New Yorker rufen Anfeindungen, Beschimpfungen und Bedrohungen hervor, und Hannah Arendt verliert langjährige Freunde. Aber sie hält an ihrem Denken fest – und auch der Film belässt es bei ihrer Sichtweise.

In den Teilen, in denen sich Margarethe von Trotta den politisch-philosophischen Fragestellungen und Ideen Hannah Arendts widmet, ist der Film überzeugend und hochspannend. Dazwischen sind aber Szenen ihres Privatlebens montiert, die unter gestelzten Dialogen und einer theaterhaften Inszenierung leiden. Die Sätze, die Hannah Arendt mit ihrem Mann Heinrich Blücher (Axel Milberg), ihrer Freundin Mary McCarthy (Janet McTeer) und ihrer Sekretärin Lotte Köhler (Julia Jentsch) austauscht, sind leblos und künstlich. Auch die eingestreuten Erinnerungssequenzen, die eine junge Hannah Arendt mit ihrem Mentor und Geliebten Martin Heidegger (Klaus Pohl) zeigen, bleiben fremd. Diese Abschweifungen lenken von dem eigentlichen Kern des Films ab und erwecken den Eindruck, sie sollen ihn angesichts der von Barbara Sukowa gut gespielten, aber sperrigen Hauptfigur aufweichen.

Fazit: "Hannah Arendt" ist ein eindrucksvolles Porträt einer starken Frau des 20. Jahrhunderts, das unter einer behäbigen Inszenierung und leblosen Dialogen leidet.




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