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Dr. Ketel - Der Schatten von Neuköll
Dr. Ketel - Der Schatten von Neuköll
© DFFB © Schattenkante

Kritik: Dr. Ketel - Der Schatten von Neukölln (2011)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Angesichts der recht überschaubaren Mittel, die Regisseur Linus de Paoli bei seinem Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin zur Verfügung gestanden haben dürften, ist die in "Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln" entworfene düstere Zukunftsvision durchaus beachtlich. Auch wenn die Straßen, in denen sich der Protagonist bewegt, wie unsere Gegenwart erscheinen, versteht es de Paoli, die Welt seines Langfilmdebüts wie eine schreckliche Vorahnung kommender Zeiten zu inszenieren. Etwa wenn der im Geheimen operierende Ketel mittels veralteter Werkzeuge und unkonventioneller Methoden kleinere Eingriffe bei seinen hilfsbedürftigen Patienten vornimmt. Auch die formale Bildgestaltung unterstreicht den dystopischen Gehalt der hier gezeigten Welt. So wird das Krankenhaus, in dem Ketel früher als Pfleger gearbeitet hat, aus extrem untersichtigen Positionen eingefangen, was dem Ort, der einmal für bedingungslose Hilfe stand, eine feindliche und abweisende Ausstrahlung verleiht. Mit solch einfachen, aber eindrücklichen Bildern akzentuiert der junge Filmemacher den besorgniserregenden Zustand der skizzierten Gesellschaft.

Gerade diese eigenwillige und stilbewusste Darstellung macht "Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln" zu einer außergewöhnlichen Erfahrung. Verkantete Kameraperspektiven, aufziehende Nebelschwaden und das existenzialistische Schwarz-Weiß lassen einen Kosmos entstehen, der sicherlich nicht zufällig an den filmischen Expressionismus der Weimarer Republik erinnert – eine Bewegung, die sich mit menschlichen Urängsten auseinander setzte und die Unsicherheiten des Individuums bzw. der Gesellschaft in verfremdeter Weise nach außen kehrte. Überdeutlich zeigt sich dieser Bezug in Ketels zunehmenden Gewissensbissen, die dazu führen, dass er einen merkwürdigen schwarzen Klumpen erbricht, der als symbolisches Zeichen seiner Selbstzweifel dient. Dieser fast schon surreale Einschlag lädt das Geschehen mit tragischer und schicksalhafter Bedeutung auf.

Die Geschichte an sich hat indes nicht allzu viel zu bieten. Der Regisseur und seine Co-Autorin Anna de Paoli spielen immer wieder mit Versatzstücken des Thrillers und des Film Noirs, sind aber nicht an einem zielgerichteten Spannungsaufbau interessiert. Die Abkehr von klassischen Erzählmustern kommt nicht zuletzt in der konsequenten Unterteilung des Films in drei Kapitel zum Ausdruck. Während wir im ersten Abschnitt Ketel bei seiner Arbeit in den Straßen und Hinterhöfen Neuköllns beobachten, rückt nach einem abrupten Zusammenbruch des selbsternannten Arztes die Amerikanerin Louise in den Mittelpunkt. Vorherige Szenen werden nun aus ihrer Perspektive gezeigt, ohne dass sich sofort erschließen würde, warum sie Ketel folgt. Obwohl die Handlung durch einen spannungssteigernden Strang rund um einen misstrauischen Sicherheitsdienstmitarbeiter ausgeweitet wird, ist der Fokus ganz auf die finale Konfrontation zwischen Ketel und Louise gerichtet. Hier offenbart sich eine Schicksalhaftigkeit, die die beiden Hauptfiguren untrennbar miteinander verbindet.

Linus de Paoli darf sich beglückwünschen, dass er mit Amanda Plummer eine angesehene Hollywood-Schauspielerin für seine Abschlussarbeit gewinnen konnte. In offensichtlichem Gegensatz zu Ketel Webers recht hölzerner Darbietung gelingt es ihr, dem Film ausreichend Leben einzuhauchen. Plummer gibt die oftmals philosophierende Louise derart leidenschaftlich, dass man sich als Zuschauer fast in einem anderen Film wähnt. Abwegig ist ihr lebendiges, wenngleich entrücktes Auftreten keineswegs. Schließlich kann die Amerikanerin dem desillusionierten Ketel am Ende zu neuer Zuversicht verhelfen.

Fazit: Auch wenn "Dr. Ketel – Der Schatten von Neukölln" nicht als spannungsgeladener Unterhaltungsfilm für die breite Masse funktioniert, legt Jungregisseur Linus de Paoli eine stellenweise recht interessante Abschlussarbeit vor, die in erster Linie durch ihren Stilwillen und die Erzeugung einer beklemmenden Atmosphäre besticht.




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