VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Der Verdingbub
Der Verdingbub
© Ascot Elite Entertainment Group

Kritik: Der Verdingbub (2011)


Bis in die 1950-er Jahre wurden in der Scheiz Waisen-, Scheidungs- oder uneheliche Kinder an andere Bauernfamilien "verdingt", über 150 Jahre waren "Verdingmärkte" Gang und Gebe. Es gehörte zur Tagesordnung, dass Kinder in sklavenähnliche Zustände gesteckt, vergewaltigt, wie Tiere misshandelt und ausgebeutet wurden. Meist bis in den frühen Tod. Erst ein im Jahre 2009 durch die Schweiz tourendes Projekt holte dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der Schweiz wieder ans Tageslicht und erst 2012 folgte eine formale Entschuldigung der verschiedenen Kantone. Inzwischen wird über finanzielle Entschädigung für über 100.000 (!) Opfer gestritten.
Produzent Peter Reichenbach, Sohn eines Historikers, nahm sich des Themas an, suchte Förderer und Unterstützer zusammen und präsentierte bereits 2011 in der Schweiz den von Markus Imboden inszenierten Film "Der Verdingbub". Nun kommt Imbodens Film auch nach Deutschland.

Beim Thema Schuld kennt sich das deutsche Publikum bestens aus. Schließlich sind wir Deutsche mit unserem Lieblingsthema "Nazi-Vergangenheit" mit „Schuld“ in all ihren Facetten bestens vertraut. Für die Schweiz aber ist das Thema Neuland.
"Der Verdingbub" schafft es, so authentisch wie glaubwürdig die schwierige Schuldfrage von dem klassischen Gut-Böse-Schema zu befreien und differenziert zu betrachten. Dabei positioniert sich Regisseur Imboden eindeutig und verurteilt nicht nur die Bauern, die ihre Verdingkinder missbrauchten und erniedrigten, sondern auch die schweizerischen Behörden, die nicht bereit waren, genauer hinzuschauen, sondern für Missbrauch lediglich Rügen erteilten oder den Bauern für fünf Jahre das Recht auf Verdingkinder entzogen.

Der Film beginnt mit dem Tod eines Verdingkindes und schon hier zeigt sich die differenzierte Betrachtungsweise des Films, der die "Eltern" des toten Jungen zwischen Trauer und Ärger porträtiert, sie weder in die "Böse Großmutter-Schublade", noch in ein verharmlosendes Profil drängt. Im weiteren Verlauf festigt Imboden diese Differenzierung, wenn er die Bauernfamilie auf dem Schattenhof als eine Familie zeigt, die jeden Tag ums Überleben kämpfen muss. Ein totes Kalb hier, eine verrottete Ernte dort - das Leben in der Schweiz der 50er Jahren erinnert hier mehr an das Mittelalter, als an eine zivilisierte, aufgeklärte Gesellschaft. Imboden entschuldigt jedoch keine Fehlleistung und Fehlentwicklung, sondern versucht sowohl für das Problem als auch seine (möglichen) Ursachen zu sensibilisieren.
Zwar kommt der Film nicht an Charakterklischees vorbei – alkoholabhängiger Vater, schizophrene Mutter, verwahrloster Sohn, der sich ein wenig Zuneigung wünscht – diese fallen aber nicht weiter ins Gewicht, da die Schauspieler ihre Charaktere sehr überzeugend spielen. Besonders Katja Riemann als Rabenmutter verstärkt den differenzierten Charakter des Films: Riemanns Figur hat Sehnsucht nach einer eigenen Tochter, die sie in der jungen Berteli findet, die sie immer wieder zu überreden versucht, sie liebevoll "Mutti" zu nennen. Gleichzeitig ist sie unbarmherzig streng und verhält sich irrational, so dass sie zwielichtig und schizophren wirkt.
Gleichzeitig zeichnet der Film auch das Porträt einer bildungsfernen Gesellschaftsschicht, die nicht viel mit Worten, dafür aber umso mehr mit Schlägen anfangen kann.
Insgesamt zeichnet sich der Film durch seine sehr gute Schauspielerarbeit aus, die den brutalen Szenen Authentizität und den dramatischen Momenten subtile Atmosphäre verleiht. So wird die Schuldfrage bei aller Differenzierung mit der nötigen Bestimmtheit gelöst, aber nicht plakativ angeprangert.

Weiterhin profitiert der Film von einem sehr guten Setting, sowie Requisiten und Kostümen, die eine trostlose und triste Stimmung etablieren. Kombiniert mit einer unaufdringlichen Inszenierungsarbeit entfaltet "Der Verdingbub" gerade zum Ende hin sein volles Potential, während er zu Beginn nur wie eine ordentliche TV-Produktion wirkte.
Doch die wahren Begebenheiten die den Hintergrund der Geschichte bilden, machen den sehr gut gespielten Film nicht nur zu einem guten Drama, sondern auch zu einem für die Aufarbeitung in der Schweiz wichtigen und unangenehmen Zeitzeugnis über die Opfer der Verdingmärkte.

Fazit: Überzeugendes Drama über die Geschichte der Verdingkinder. das mit subtiler Inszenierung, tollem Setting, guter Ausstattung und Kostümen sowie überzeugendem Schauspielerensemble unter die Haut geht, dabei aber Abstand von der klassischen Schuldfrage nimmt und lieber mit einem differenziertem Blick auf das Thema punktet. Empfehlenswert!





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.