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Berg Fidel - Eine Schule für alle - Plakat
Berg Fidel - Eine Schule für alle - Plakat
© W-Film

Kritik: Berg Fidel - Eine Schule für alle (2011)


Die Filmemacherin Hella Wenders porträtiert in ihrer ersten langen Dokumentation auf ehrliche und intensive Weise vier Kinder, die alle etwas gemeinsam haben: Sie alle haben eine Behinderung oder Lernschwäche und sie alle besuchen die Ganztagsgrundschule Berg Fidel im gleichnamigen sozialen Brennpunkt-Stadtteil Berg Fidel in Münster. Die Berg Fidel-Schule vertritt eine ganze besondere Schulform. Es geht um eine alternative Form des gemeinsamen Lernens und miteinander Umgehens, von der niemand ausgeschlossen wird. "Inklusive Schule" nennt sich dieses Modell und vertritt die These, dass Kinder nicht getrennt, sondern im Gegenteil mit möglichst vielfältigen Gleichaltrigen unterschiedlichster Herkunft in Kontakt treten sollen. Hier lernen Kinder mit "sonderpädagogischem Förderbedarf" neben Sprösslingen von Bildungsbürgern ohne gesundheitliche Beeinträchtigung. Kinder von Asylbewerbern und aus Migrantenfamilien neben einheimischen Schülern, Körper- oder Lernbehinderte neben Hochbegabten.

Es sind rund 200 Kinder, die hier von der ersten bis zur vierten Klasse gemeinsam lernen und leben. 60 bis 70 Prozent von ihnen sind Ausländer aus rund 30 Nationen. Es ist eine bunte, vielfältige Mischung unterschiedlichster Kinder, die hier zusammenkommt – und von Helena Wenders (Wims Nichte) emotional und spannend in "Berg Fidel – Eine Schule für alle" porträtiert wird. Mit diesem Film schloss sie ihr Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin ab. Zu der Münsteraner Schule hat sie dabei einen ganz besonderen Bezug, denn ihre Mutter arbeitet dort selbst als Lehrerin. Drei Jahre lang begleitete Wenders vier Kinder in der Schule, der Freizeit und zu Hause und beweist mit "Berg Fidel", wie gut diese Form der alternativen Pädagogik in der Praxis doch funktionieren kann.

Hella Wenders möchte in ihrem Film ausschließlich durch die Kinder selbst aufzeigen, wie die inklusive Schule erfolgreich funktionieren kann. In ihrer Dokumentation kommt kein Erwachsener zu Wort, weder Pädagogen noch Eltern. Sie lässt nur die vier Kinder berichten, die sie über einen Zeitraum von drei Jahren mit der Kamera begleitete. Da ist zum einen Anita, die Tochter eines Asylbewerbers aus dem Kosovo, die Schwierigkeiten mit dem Lernen und der Konzentration hat. Sie lebt in ständiger Angst, jederzeit abgeschoben werden zu können. David und Jakob sind Brüder, letzterer leidet am Down-Syndrom, verständigt sich mit einem speziellen Sprachcomputer und auch dank der Hilfe seiner Klassenkameraden, die ihn problemlos auch ohne Computer "übersetzen" können. David ist hochintelligent, beschäftigt sich am liebsten mit Astronomie und komponiert Melodien am Flügel. Doch er hört und sieht schlecht. Und dann ist da noch Lucas, der beim Lernen und den Hausaufgaben langsamer ist als die meisten anderen und intensivere Betreuung braucht. Er träumt davon, später einmal als Landwirt zu arbeiten. Wenders lässt ihre vier Protagonisten immer wieder zu Wort kommen und sie von ihren Sehnsüchten, Träumen aber auch Ängsten und Sorgen erzählen.

Somit entsteht ein unmittelbares, direktes Filmerlebnis, das authentisch und ehrlich geraten ist, da bei Wenders die Hauptdarsteller selbst – die Schüler der Berg Fidel-Schule – ausgiebig berichten dürfen. Sie schildern, womit sie im alltäglichen Leben und in der Schule Probleme haben. Dabei sind sie sich ihrer Schwächen und gesundheitlichen Einschränkung wohl bewusst. Sie sind bereits in diesen jungen Jahren in der Lage, ihre Situation auf kluge Weise zu reflektieren und zu bewerten. Zwischen den zahlreichen Gesprächen und "Interviews" mit den Kindern streut Wenders immer wieder Bilder und Aufnahmen vom Alltag in der Schule ein. Es wird gebastelt, gespielt, geprobt, die Kinder helfen bei der Essensausgabe und halten regelmäßig einen Klassenrat, in welchem sie ihre Konflikte besprechen und (erstaunlich abgeklärt) lösen. Der Zuschauer erhält somit einen spannenden Einblick in den pädagogischen Alltag einer Schulform, die den meisten fremd sein dürfte.

Obwohl sich Wenders dazu entschied, nur die Kinder zu befragen und diese Vorgehensweise ja auch ihren Zweck erfüllt (Unmittelbarkeit, Authentizität), hätte es "Berg Fidel" vermutlich dennoch gut getan, wenn zumindest ein paar wenige Erwachsene (Pädagogen oder Eltern, ganz gleich) ihre Meinung zum Lernen und Alltag in der Schule hätten äußern können. Dies hätte einen anderen Blickwinkel auf das Modell und die Funktion ermöglicht. Der Verzicht war letztlich natürlich eine bewusste Entscheidung von Wenders, die dem Film alles in allem aber nicht allzu sehr schadet. Zu sehr regt"Berg Fidel" zum Nachdenken an und erzeugt ein großes Interesse an "anderen", alternativen pädagogischen Modellen und Schulformen.

Fazit: "Berg Fidel" porträtiert auf eindrückliche, spannende und ehrliche Weise das Lernen und Leben an einer inklusiven Schule. Der Film regt zum Nachdenken an und rückt das Lehr- und Lernkonzept einer besonderen Schulform in den Mittelpunkt.




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