VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Heute bin ich blond - Plakat
Heute bin ich blond - Plakat
© Universum Film

Kritik: Heute bin ich blond (2012)


Zwei Sachen sind seit geraumer Zeit total in: Krebs und Bücher über Krebs. Und natürlich auch: Filme über Krebs. Wo der Film sich noch vorwerfen lassen muss, dass er durch den überspannten Bogen krebsdramatischer Happy Ends („50/50“, „Heiter bis wolkig“ vs. „Death Of A Superhero“) die eigentliche Krankheit manchmal verharmlost, hat der Büchermarkt, der die konstante Überschwemmung von Ratgeberliteratur bis Realitätsberichten vollends auskostet, einfach nur gut lachen. Der Absatz ist exzellent, das Kaufverhalten der Leser tendiert in Richtung Heuschreckenverhalten und besser fühlen sich die Kunden nach der Lektüre auch noch. Denn schließlich, so zum Beispiel bei Sophie van der Staps Bericht über ihren Kampf mit und dem schlussendlichen Sieg über die Krankheit, enden solche persönlichen Werke glücklicherweise mit dem Leben. Solche Krebslektüre impliziert dies auch auf natürliche Art und Weise. Da reichen auch Diagnosen, die lediglich 15% Überlebenswahrscheinlichkeiten prognostizieren, vollkommen aus. Die Frage nach dem warum erübrigt sich, wenn sie auch reichlich zynisch klingen mag. Die anderen 85% Krebspatienten konnten ihre Bücher leider nicht fertig schreiben.

Das ist zwar die bittere Realität, doch davon will das Kino, besonders das deutsche, nicht viel wissen. So hat Fließband-Regisseur, Marc Rothemund, zuletzt mit „Mann tut was Mann kann“ beschäftigt, den Roman jener Sophie van der Stap - „Heute bin ich blond“ - in ein filmisches Coming-of-age-Werk verwandelt: In einen Film, der von allen gesetzlichen Seiten gefördert all die persönliche und dramatische Essenz seiner Vorlage grundlegend tilgt, mit austauschbarer Nonsens-Charakteristik füllt und daraus einen Feel Good-Movie entwirft, dass das eigentliche Thema Tod und all die vielen Krebspatienten, die nicht so viel Glück hatten, denunziert und als oberstes Ziel die Kommerzialisierung einer intimen Tragödie ausgegeben hat. Wenn das Publikum einer krebskranken jungen Frau die Worte "Stirb endlich!" entgegen schleudern will, muss so manches falsch gelaufen sein.

Besonders beliebt in "Heute bin ich blond": Die Verharmlosung des Todes. Wer den Roman von Sophie van der Stap gelesen hat, weiß so oder so, wie der Film ausgehen mag, doch auch der erfahrene Kinobesucher weiß, dass der deutsche Feel-Good-Film mit Sicherheit keine Geschichte um eine 21-Jährige aufbaut, die er am Ende sterben lässt. Das Ende ist also bekannt, Spannung kann nur auf dem Weg dorthin entstehen. Und dieser ist nicht nur steinig, sondern oftmals unerträglich, denn die Krebsgeschichte kommt komplett altbacken, austauschbar, vorhersehbar und, das ist besonders schlimm, beliebig daher. Größtes Problem in Marc Rothemunds Werk: Lisa Tomaschewsky ist extrem unsympathisch. Zwischen nerviger Zicke und aufreizender junger Dame bekommt sie weder die Balance zwischen ihren verschiedenen Rollen unter die Perücken, noch die Dimensionen der Krankheit im Kampf ums Überleben, hin. Oder, einfacher ausgedrückt: Sie nervt.

Dazu passt, dass Jasmin Gerat als im Krankenhaus dazu gewonnene Freundin Chantal die Quotentote geben darf, deren Tod allerdings nur in einem beiläufigen Nebensatz erwähnt wird. So kann „Heute bin ich blond“ als Film nicht funktionieren - weder für Fans der Romanvorlage, noch für Zuschauer, die sich eine unterhaltsame, aber fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema wünschen.
Während der Drehbuchverlauf gerne mal springt, Anschlüsse vergisst oder einfach zusammenhangslose Episoden aneinander reiht, sind es besonders peinliche Highlights, wie der Auftritt eines Tofu-Dozenten im Rainer Brüderle-Style oder die ewig langen, phrasengeschwängerten, schwallartige Dialoge, welche, begleitet mit jämmerlichem Klaviergeplänkel, die Thematik der Lächerlichkeit preisgeben. So wird man keiner Vorlage recht.

Fazit: Sophie van der Staps autobiographischer Bericht "Heute bin ich blond" wurde zum Besteller, weil er zugleich intim ist und den Zuschauer auf mehreren Ebenen berühren konnte. Die Verfilmung von Marc Rothemund gibt diese Eigenschaften der Lächerlichkeit preis, wenn er aus dem Stoff den immer gleichen deutschen Einheitsbrei aufbereitet.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.