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Kritik: Robocop (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Gibt es ein Patentrezept für Sicherheit? Wie ist es um eine Gesellschaft bestellt, die sich ganz dem Technikglauben verschreibt? Und kann man einer Mischung aus Mensch und Maschine eine gewisse Eigenständigkeit zugestehen? Diese und andere Fragen brechen in Paul Verhoevens Science-Fiction-Klassiker "RoboCop", der die Geschichte des Polizei-Cyborgs Alex Murphy erzählt, vehement hervor und kreieren ein unheilvolles Zukunftspanorama. Aus heutiger Perspektive ein geradezu visionäres Filmerzeugnis. Immerhin sind wir mittlerweile bei der Verschmelzung des menschlichen Körpers mit technischen Hilfsmitteln und Apparaturen angekommen. José Padilhas Neuinterpretation des Kultfilms, die sich an die Ursprungsgeschichte anlehnt, aber durchaus ihren eigenen Weg einschlägt, wirkt daher auch nur noch bedingt wie ein klassischer Science-Fiction-Streifen.

Die Ausgangslage des Remakes nimmt unumwunden Bezug auf das seit langem gepflegte imperialistische Auftreten der USA, ihr Selbstverständnis als omnipräsenter Weltpolizist. In vielen Ländern und Regionen haben sich die automatischen Sicherheitskräfte und Kampfmaschinen des Großkonzerns "OmniCorp" durchgesetzt, beherrschen die Straßen und sollen der Bevölkerung Schutz und Geborgenheit vermitteln. Ein Nachrichtenbeitrag, der eine Befriedungsaktion in Teheran zeigt, spricht allerdings eine ganz andere Sprache. Dinosauriern gleich, stampfen die Roboter durch die Stadt, scannen die am Wegesrand versammelten Bürger und verbreiten vor allem Angst und Schrecken. Ironischerweise halten sich die Amerikaner ein derartiges Schauspiel im eigenen Land bislang vom Leib. Zu groß ist das Unbehagen, sich auf waffenschwingende Sicherheitsmaschinen zu verlassen. Denn was passiert, wenn ein Roboter versehentlich einen unschuldigen Menschen tötet? Wer kann in diesem Fall haftbar gemacht werden?

Eben diese Problematik lässt den gewissenlosen und profitorientierten "OmniCorp"-Vorsitzenden Sellars (wohltuend zurückgenommen: Michael Keaton) nach anderen Möglichkeiten Ausschau halten. Um den Menschen die Angst vor der Robotertechnologie zu nehmen, will er ihnen ein Wesen schenken, das effizient und zuverlässig wie eine Maschine funktioniert, dabei aber auch über ein Gewissen verfügt und somit für seine Handlungen selbst verantwortlich ist. Der schwer verwundete Polizist Alex Murphy, den der Zuschauer in der Einführung näher kennen lernt, bietet sich als perfektes Forschungsobjekt an. Da seine Überlebenschancen nach einem Bombenanschlag gen Null tendieren, ist es dem Konzernchef und seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Norton (treffend besetzt: Gary Oldman) ein Leichtes, Murphys Ehefrau Clara zur Einwilligung in den bahnbrechenden Eingriff zu bewegen. Padilha und Drehbuchautor Zetumer verfolgen diese persönliche Erzählebene mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und verleihen der Geschichte dadurch, zumindest vorerst, zusätzliche Substanz.

Überhaupt nimmt sich die Neuauflage erstaunlich viel Zeit für die Entwicklungs- und Testphase des neuartigen RoboCops, die von Rückschlägen geprägt ist und Dr. Norton in ein Frankenstein-ähnliches Verhältnis zu seiner Schöpfung bringt. Genau in diesen Abschnitt fällt auch die wohl eindrücklichste Szene des ganzen Films, wenn der eifrig-gutmütige Wissenschaftler dem wiedererwachten Murphy sein Innenleben präsentiert. Anfangs ist der Protagonist noch vollständig in seiner Roboterkluft zu sehen, doch nach und nach entfernt Norton die einzelnen Körperteile, bis nur noch der menschliche Kopf, die schwer pumpenden Lungen und das Rückgrat übrig bleiben. Neben derart unheimlichen Momenten setzt Hollywood-Neuling Padilha in der Testphase aber auch auf actionreiche Gefechtsszenarien, in denen der RoboCop seine praktische Tauglichkeit unter Beweis stellen kann.

Zum Knackpunkt der Geschichte und des Films an sich avanciert schließlich die erste öffentliche Präsentation des neuen Superpolizisten. War Dr. Norton bislang bestrebt, die Identität des Maschinenmannes zu erhalten, wird er plötzlich gezwungen, Murphys Empfindsamkeit gänzlich herunterzufahren. Seine menschliche Seite stirbt ab. Die Technik übernimmt und legt den Grundstein für die anschließenden Ermittlungserfolge, die "OmniCorp" eine glanzvolle Zukunft verheißen. Anders als geplant, kann der Protagonist jedoch einen Rest Eigenständigkeit bewahren, fängt an, sich an sein früheres Ich zu erinnern, und spürt den Hintermännern des Bombenanschlags nach, der sein Leben auf den Kopf gestellt hat. Deutlich oberflächlicher als zuvor gerät jetzt der innere Kampf des Helden, da der Film von einem Schauplatz zum nächsten eilt, ohne sich großartig um emotionale Zwischentöne zu scheren. Die kurzen Auftritte von Murphys Ehefrau verkommen zu Alibieinlagen, und Hauptdarsteller Kinnaman gelingt es nur sporadisch, das Dilemma seiner Figur mimisch greifbar zu machen. Optisch ansprechend umgesetzt, steuert das Geschehen auf einen unausweichlichen Showdown zu, bei dem der brasilianische Regisseur noch einmal in die Effektkiste greifen darf.

Etwas hilflos wirkt der Versuch, den satirischen Gehalt des Originals in die Neuauflage zu überführen. Hierfür schneidet Padilha gelegentlich zu einer Fernsehshow, in der Moderator und "OmniCorp"-Befürworter Pat Novak (Samuel L. Jackson) die Mutlosigkeit seiner Landsleute anprangert und den Einsatz automatischer Sicherheitsmaschinen auf US-Boden fordert. Plump und allzu offensichtlich werden hier billige Meinungsmache, Medienverblendung und amerikanische Allmachtfantasien durch den Kakao gezogen. Mit der Bissigkeit des Verhoeven-Klassikers hat das nicht viel gemein. Fans des Kultfilms sollten sich überdies auf eine deutlich entschärfte Gewaltdarstellung gefasst machen. Während die bisweilen drastischen Exzesse in der Version von 1987 für reichlich Diskussionsstoff sorgten, geht Padilha stets auf Nummer sicher – eine Studiovorgabe, die auf Massentauglichkeit abzielt.

Fazit: Optisch überzeugende Neuinterpretation von Paul Verhoevens Kultfilm, die eigene Schwerpunkte setzt, an spannenden Problemfeldern kratzt, den eingeschlagenen Weg jedoch nicht konsequent genug zu Ende geht. Alles in allem ein passabler, wenn auch nicht bahnbrechender Science-Fiction-Thriller.




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