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Saving Mr. Banks
Saving Mr. Banks
© Walt Disney Pictures

Kritik: Saving Mr. Banks (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Chim Chimney, Chim Chimney, Chim Chim che-ree– wer summt bei diesen Worten nicht sofort die berühmte Melodie aus "Mary Poppins"? Mit diesen Klängen beginnt John Lee Hancocks Film "Saving Mr. Banks", in dem er eine Version der Entstehungsgeschichte des Films "Mary Poppins" erzählt. Von Anfang an ist "Saving Mr. Banks" auf verzaubernde Unterhaltung angelegt: Zu den Klängen sind Wolkenbilder zu sehen und wie einst Mary Poppins vom Wind zu der Familie Banks gebracht wurde, führt die Kamera die Zuschauer nun zu einem Mädchen, das auf einem Rasen sitzt. Es ist völlig versunken in seine Welt und wird schließlich von ihrem Vater abgeholt, der ebenso begeistert von der Macht der Phantasie zu sein scheint. An dieses kleine Mädchen denkt P.L. Travers (Emma Thompson) zurück, als sie in ihrem Haus in London sitzt. Sie wartet auf ihren Agenten, der ihr unmissverständlich deutlich macht, dass sie nach 20 Jahren Zögern auf das Angebot von Walt Disney (Tom Hanks) eingehen und ihm die Rechte an "Mary Poppins" verkaufen sollte – ansonsten ist sie pleite. Widerwillig macht sie sich somit auf den Weg nach Hollywood, jedoch werden ihre Reise und der mühsame Weg der Adaption des Buchs beständig durch die Rückblenden unterbrochen, in denen das vermeintliche, aber durch den Titel des Films einfach zu erratene Geheimnis um Mary Poppins gelüftet wird.

Gekonnt spielt "Saving Mr. Banks" auf der Klaviatur der Wohlfühlkomödie: Es gibt lustige Momente des Zusammenpralls zwischen der missmutigen P.L. Travers und den fröhlichen Disney-Mitarbeitern, herzerwärmende Szenen zwischen dem Mädchen und ihrem Vater, die die zugrundeliegende Traurigkeit nach und nach enthüllen, und schließlich die Veränderung von P.L. Travers. Diese Erzählweise ist kalkuliert, aber sie funktioniert über weite Strecken des Films. Dazu tragen insbesondere die durchweg guten Schauspielerleistungen bei, unter denen die zurückgenommene Spielweise von Tom Hanks nur noch von Emma Thompson übertroffen wird. Sie ist scharfzüngig und gemein, lässt aber auch stets die Tragik erkennen, die ihrer Figur innewohnt. Das ist unterhaltsam anzusehen – und lässt auch darüber hinwegblicken, dass die Rückblenden insgesamt zu viel Zeit einnehmen. Im letzten Drittel des Films stellen sich dann aber zunehmend Misstöne ein, die vor allem in einer Patronisierung von P.L.Travers bestehen. Anscheinend braucht diese starke, oft schlecht gelaunte Frau nur eine traurige Geschichte und das Verständnis eines mächtigen Mannes, um ihre enge Bindung zu "Mary Poppins" und die damit verbundene Belastung zu überwinden. Dank Walt Disney kann sie fortan fröhlich sein und im bunt-luftigen Outfit wieder Bücher schreiben, alles andere ist überwunden und vergessen, ja, sogar der Film wird ihr gefallen. Das wird der tatsächlichen P.L. Travers in keinster Weise gerecht, die keine einsame alte Jungfer war, sondern eine Beziehung mit einem älteren, verheirateten Mann und einer Frau hatte. Außerdem adoptierte sie ein Kind und führte damit ein Familienleben, das in der damaligen Zeit und wohl auch noch heute viele als ungewöhnlich bezeichnen würden. Sicherlich muss John Lee Hancock davon nicht erzählen, doch fügt sich dieser letzte Teil auch nicht in den Film ein. Es wurde in vielen Szenen deutlich, dass es der Autorin nicht nur um ihre Geschichte geht, sondern generell um die Disneysierung ihrer Figur – das zeigt allein der wunderbare One-Liner, in dem sie den Disney-Pu hochnimmt und mit einem "poor A.A. Milne" wegstellt. Dieser alte Konflikt von Kunst und Kommerz wird anfangs von zwei erwachsenen Menschen ausgetragen, die beide Probleme mit ihrem Vater haben, aufgelöst wird er dann mit der einfachen Aussage, dass es allen Geschichtenerzählern – sei es im Buch oder im Film – um die Hoffnung geht und deshalb der Zauber der Disney-Welt scheinbar unwiderstehlich ist. Nur leider beschränkt sich in diesem Fall die Hoffnung auf eine revidierte Vergangenheit.

Insgesamt ist "Saving Mr. Banks" daher ein typischer Disney-Familienfilm, der gekonnt an die Emotionen des Zuschauers appelliert, mit sehr viel Charme von der Adaption des Werk erzählt – die Szenen zwischen Travers und den Autoren sind fraglos die besten des Films – und dabei die Chance verpasst, von dem Leben einer außergewöhnlichen Frau zu erzählen. Aber schon Mary Poppins wusste, dass mit einem Löffelchen voll Zucker selbst die bitterste Medizin versüßt wird.

Fazit: "Saving Mr. Banks" ist ein kuscheliger Wohlfühlfilm, der sämtliche Reibungsaspekte ausblendet und stattdessen auf gemütliche Unterhaltung setzt. Dank einer zauberhaften Emma Thompson gelingt ihm das – nur allzu lange nachdenken sollte man über den Film nicht.




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