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Die Karte meiner Träume
Die Karte meiner Träume
© DCM GmbH

Kritik: Die Karte meiner Träume (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Jean-Pierre Jeunets optisch opulenter Film ist ein versponnener Roadtrip durch Amerika mit einem Kind als Protagonisten. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von Reif Larsen und erzählt die Geschichte eines hochbegabten Jungen, den ein seltsames Elternhaus und ein Schuldkomplex plagen. Die visuelle Gestaltung beeindruckt mit ihrer Liebe zum Detail und ihrer ästhetischen Sorgfalt. Inhaltlich aber bleibt die possierlich skurrile Geschichte flach.

Der Film spricht viele Themen an, die wie auf einem Jahrmarkt der Attraktionen präsentiert werden. Es geht um die Einsamkeit auf einer Ranch im Westen Amerikas. Um ein Elternpaar, das im praktischen Leben keinerlei Gemeinsamkeiten hat und um ein hoch intelligentes Kind mit autistischen oder zwanghaften Zügen. Ich-Erzähler T.S. will sich die beängstigende Welt selbst erklären, mit schwierigen Statistiken und eigenwilligen wissenschaftlichen Forschungen. Aber die Eltern beachten ihn nicht. T.S. gibt sich auch die Schuld am Unfalltod des Zwillingsbruders und meint, dass der Vater ihn nun noch weniger leiden kann. Sein inneres Drama kann der Junge nur lösen, indem er sich auf die Reise begibt. So ergreift er die Initiative, um seine Familie aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken.

Auf diesem Roadtrip lässt sich Jeunet von amerikanischen Mythen leiten, dem Vagabundenleben oder und dem Erfahren der fremden Heimat an Bord eines Zuges. Davon erzählte schon der Folksong "City of New Orleans", an den die Bilder dieser Reise unweigerlich erinnern, ohne dass er akustisch erklingt. Ein anderer Mythos ist die Sage vom armen Spatzen, der verzweifelt Schutz vor der Kälte sucht, bis ihm eine Tanne Unterschlupf gewährt. Ein Landstreicher erzählt sie dem Jungen. Das Motiv dieses Vogels durchzieht den ganzen Film, denn T.S. ist selbst nach einem Spatzen benannt, der am Tag seiner Geburt starb. Im urbanen Osten des Landes lernt T.S. schließlich eine andere Spielart der Einsamkeit kennen: das Kommerz- und Prestigedenken, die Sucht nach medialer Aufmerksamkeit. Die Geschichte findet ihre Tanne nicht, sondern flattert wie ein Spatz herum und verzettelt sich in vielen kleinen Nebenhandlungen.

Der junge Hauptdarsteller Kyle Catlett ist die Seele des ganzen Films. Er stattet seinen Charakter mit einer natürlichen Verletzlichkeit und klugen Ernsthaftigkeit aus. Die visuelle Gestaltung schließlich ist einfach bezaubernd. Detailverliebte Inneneinrichtungen mit musealem Charakter, nostalgische Farbkompositionen mit viel Rot und Grün, kunstvoll gestaffelte 3D-Bilder, eingefügte Zeichnungen lassen staunen und genießen. Schon dieses adrette, knallrote Elternhaus in der Wildnis von Montana hat etwas Märchenhaftes, Unwirkliches. Wes Anderson lässt grüßen, auch wenn man hier den schrägen Witz seiner Filme nicht findet.

Fazit: Jean-Pierre Jeunet spürt auf einem verspielten Roadtrip amerikanischen Mythen nach, ohne zu einer tieferen Wahrheit zu finden. Visuell aber ist der Film mit seinem Sinn für nostalgische Details ein Genuss.




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