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Die Lebenden - Deutsches Plakat
Die Lebenden - Deutsches Plakat
© Real Fiction

Kritik: Die Lebenden (2012)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Obwohl die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, vor allem im deutschsprachigen Kino, auf eine lange Tradition zurückblicken kann, hat die Beschäftigung mit diesem Thema auch heute nichts an Relevanz verloren. Gerade jene Werke, die eine persönliche Geschichte in den Blick nehmen, legen oftmals das umfassende Grauen der Nazi-Zeit in aller Deutlichkeit offen. Einen solchen mikroperspektivischen Ansatz verfolgt auch das von Barbara Albert inszenierte Drama "Die Lebenden", das autobiografische Züge trägt und von einer persönlichen Suche erzählt.

Im Zentrum der Handlung steht Sita, deren tief sitzende Verunsicherung deutlich wird, als Gunther ihre Affäre beendet und sie sich daraufhin in einen vermeintlichen One-Night-Stand flüchtet. Sita ist auf der Suche nach Liebe und Bestätigung, leidet dabei aber an einer gewissen Orientierungslosigkeit. Verstärkt werden ihre Selbstzweifel schließlich während ihres Besuchs in Wien. Denn plötzlich steht für die junge Frau auch ihre familiäre Vergangenheit zur Disposition. Nachdem sie das Foto von ihrem Großvater in einer SS-Uniform entdeckt hat, gibt es für Sita nur ein Ziel: Sie muss herausfinden, welche Rolle der alte Mann zur Zeit des NS-Regimes gespielt hat. Über die genauen Beweggründe für die nun einsetzende obsessive Suche nach der Wahrheit schweigt sich der Film leider aus, hätte aber gerade hier interessante Einblicke geben können. Immerhin steht Sita für eine Generation junger Menschen, die keinen direkten Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus hat.

Die wackelige Handkamera begleitet Sitas Recherche aus unmittelbarer Nähe und unterstreicht die Rastlosigkeit der Studentin. Gleiches gilt für die ständigen und manchmal abrupten Ortswechsel, die Sitas innere Unruhe ebenfalls zum Ausdruck bringen. Nicht immer sind die Handlungen und Entscheidungen der jungen Frau eindeutig motiviert. Bisweilen nimmt der Film sogar einen episodenhaften Charakter an. Die großen Fragen nach "Schuld" und "Verantwortung", die das behandelte Thema unweigerlich mit sich bringt, werden dabei immer wieder umkreist, jedoch sehr selten tiefer gehend analysiert. Wirklich fassbar sind sie nur in den Videoaufzeichnungen, die Sita bei einem Verwandten entdeckt. Hier berichtet ihr Großvater in schonungsloser Offenheit von seiner SS-Vergangenheit, und der Zuschauer erhält einen erschreckenden Einblick in die nachträglichen Legitimationen eines Menschen, der, vielleicht ohne es zu wollen, zum Täter wurde.

Bis auf wenige Ausnahmen kann Anna Fischer die Brüchigkeit der Hauptfigur überzeugend veranschaulichen. Auch Hanns Schuschnigs Darbietung als Sitas Großvater fällt beachtlich aus und sorgt dafür, dass so manche erzählerische Schwäche in den Hintergrund tritt. Die anderen Darsteller können dieses Niveau allerdings nicht erreichen, was nicht zuletzt dem unausgewogenen Drehbuch geschuldet ist. So hat beispielsweise August Zirner in der Rolle von Sitas Vater mit seiner schematisch angelegten Figur zu kämpfen, die gegen Ende des Films eine wenig motivierte Wandlung vollzieht.

Fazit: "Die Lebenden" greift mit der familiären Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ein eminent wichtiges Thema auf, wird diesem aufgrund der erzählerischen Sprunghaftigkeit aber nur stellenweise gerecht.




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