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Kritik: Zum Geburtstag (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Die Schatten einer unheilvollen Vergangenheit scheinen eine faszinierende Wirkung auf Regisseur und Drehbuchautor Denis Dercourt auszuüben, immerhin setzte er sich damit bereits in seinem hochgelobten, von einem subtilen Spannungsaufbau getragenen Psychothriller "Das Mädchen, das die Seiten umblättert" (2006) auseinander. Auch sein neuer Spielfilm "Zum Geburtstag", die erste in Deutschland realisierte Produktion des mittlerweile in Berlin lebenden Franzosen, erzählt von einem lange zurückliegenden Ereignis, das die handelnden Figuren unauflöslich miteinander verbindet und in der Gegenwart seinen Tribut zu fordern scheint. Anders als in dem bedrückenden Kammerspiel aus dem Jahr 2006 will es Dercourt hier aber nur bedingt gelingen, eine nachhaltige Spannungsatmosphäre zu kreieren.

Schon der in der DDR-Zeit angesiedelte Prolog, der die Beziehungen der Protagonisten festlegt, wirkt in seiner Aufmachung seltsam künstlich und abgehoben, was nicht nur dem etwas ungelenken Spiel der Jungdarsteller, sondern ebenso der letztlich haarsträubenden Grundidee des Paktes zwischen den beiden Freunden geschuldet ist. Schließlich schenkt Georg Paul zu seinem Geburtstag nicht nur seine Freundin. Er fordert den Kumpel zudem auf, ihm ganz spontan ein anderes Mädchen auszusuchen. Pauls willkürliche Wahl fällt auf eine junge Frau, die etwas abseits sitzt und gemeinsam mit ihrem Freund systemkritische Musik hört. Nachdem Georg mit seiner neuen Eroberung verschwunden ist, setzt Paul die hinzukommende Anna über den unverhofften Aufbruch ihres Freundes in Kenntnis, was diese allerdings nicht sonderlich zu stören scheint. Bereits wenige Augenblicke später liegen sich die beiden küssend in den Armen.

Eine nahezu traumwandlerischer Auftakt, den der Regisseur offenbar genauso intendiert hat. Immerhin weist er im Presseheft mehrfach auf die märchenhaften Strukturen seiner Geschichte hin. Auch als sich Paul in der Gegenwart zunehmend von Georgs Präsenz bedroht fühlt, bleibt Dercourt dem recht unwirklich anmutenden Inszenierungsstil treu. Ähnlich wie die Jungakteure des Prologs agieren die gestandenen Darsteller Mark Waschke, Sylvester Groth, Marie Bäumer und nicht zuletzt Sophie Rois als Georgs Ehefrau Yvonne, eben jenes Mädchen, das Paul damals für seinen Freund auswählte, mehrfach am Rande der Künstlichkeit. Langsam und bisweilen emotionslos gesprochene Dialoge schaffen eine seltsame Atmosphäre, die nicht immer zum Bedrohungsszenario passen will, das Dercourt schrittweise aufzubauen versucht.

Merkwürdig artifiziell präsentiert sich mitunter auch das Setting des Films, am deutlichsten wohl, wenn sich die beiden Freunde mit ihren Frauen in Pauls urtümlichem Wochenendhaus treffen, dessen dunkle Innenräume bis auf vereinzelte Einrichtungsgegenstände leer sind. Ein fast surrealer Ort mitten im Nirgendwo, der einem Grimmschen Märchen entsprungen sein könnte.

Wenngleich eine unheilvolle Stimmung vorübergehend aufkommen will, ist "Zum Geburtstag" doch weit entfernt vom dichten Psychothriller, der in den Presseunterlagen selbstbewusst angekündigt wird. Konventionelle Verwicklungen wie Pauls vermeintliche Affäre, seine plötzlichen beruflichen Fehler und Georgs immer deutlichere Annäherung an die Tochter seines Jugendfreundes halten die Bedrohungskulisse freilich aufrecht, entfalten allerdings nie die kraftvolle Sogwirkung, die der französische Filmemacher noch in "Das Mädchen, das die Seiten umblättert" heraufbeschwören konnte. Im letzten Drittel entpuppt sich Dercourts neue Regiearbeit schließlich als gewöhnlicher Rachethriller mit etwas aufgesetzten politischen Implikationen, dessen finale, durchaus überraschende Wendung unnötig lange hinausgezögert wird.

Fazit: Auch wenn sich Beklemmung und Unbehagen zeitweise einstellen wollen, kann dieser künstlich wirkende Psychothriller, dessen Ausgangssituation bereits reichlich konstruiert daherkommt, nur selten nachhaltig fesseln.




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