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Jeder stirbt für sich allein
Jeder stirbt für sich allein
© X Verleih

Kritik: Jeder stirbt für sich allein (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Dieses deutsche, aber auf Englisch mit internationalen Stars gedrehte Drama ist das perfekte Beispiel für einen Film, den man nicht gesehen haben muss, um ihn gesehen zu haben. Alles in diesem Werk spielt sich absolut überraschungsarm, brav, bieder, routiniert ab. Man weiß, wie es anfängt, man weiß, wie es weitergeht, man weiß, wie es endet. Und wenn Regisseur Vincent Perez einmal eine unerwartete Entscheidung trifft, ist es nicht unbedingt die richtige, wie die sehr diskutable Schlussszene zeigt.

Für einen Streifen, der ein Thema behandelt, bei dem es um Leben und Tod geht, ist das Ganze bedauerlicherweise ohne die Verve in Szene gesetzt, die beispielsweise ein Bryan Singer seinem "Operation Valküre" einspeiste. Spannung und Anspannung halten sich in Grenzen; auch die gesellschaftspolitische Dimension des Ganzen wird eher behauptet denn gezeigt. So wirkt das Ganze eher wie ein Räuber- und Gendarm-Spiel zwischen dem Ehepaar Quangel und dem ehrgeizigen, intelligenten Kriminalbeamten, der mit seinem Profiling seiner Zeit voraus scheint und seinen Vorgesetzten nur als Wichtigtuer vorkommt.

Doch abgesehen davon, dass der Film handwerklich einwandfrei und mit einer packenden Musik von Alexandre Desplat unterlegt ist, gibt es bei Talenten dieses Kalibers natürlich auch positive Aspekte. Emma Thompson und Brendan Gleeson machen nicht viele Worte, spielen das Ganze eher unterkühlt - und wirken absolut glaubhaft in ihren Rollen. Keine großen Reden, kein Spielen für die Kamera - das entspricht dem Ehepaar Quangel, die ja gerade deshalb so lange unentdeckt blieben, weil sie absolut angepasst schienen. Auch Daniel Brühl verkörpert seinen Part überzeugend: Sein kriminalistischer und unideologischer Ehrgeiz stößt ebenso an die Grenzen von NS-Partei und -Staat wie das Rechtsbewusstsein der Quangels - eine Parallele, die ihm schmerzhaft bewusst wird.

Auch andere Elemente hat Regisseur Perez gut hinbekommen: Das Gefühl einer ständigen Mobilisierung und Überwachung des Staates, die dem Bürger das ständige Gefühl geben muss, als Untertan in einer Bringeschuld zu stehen. Zugleich die Konkretisierung: Wer ist denn der "Staat"? Es sind ja gerade die Mitbürger der Quangels, die nur allzu willfährig der Obrigkeit zu Diensten sein wollen, wie ein Kind, das sich von seinen Eltern Lob erhofft. Den Triumph, den der Kriminalkommissar am Ende genüsslich ausspielt, besteht dann ja auch aus dem Umstand, dass von den von den Quangels verteilten Postkarten fast alle brav bei der Polizei abgegeben worden sind.

Ebenso treffend ist es, dass die Rollen der Autoritäten mit jüngeren Schauspielern besetzt sind. Der NS-Staat war der Staat der um 1900 geborenen, die Partei eine gegenüber den anderen bürgerlichen Weimarer Parteien prononciert junge Partei. Dass der erschossene Sohn der Quangels am Anfang des Films genauso jungenhaft wirkt wie die teilweise bubenhaften Polizisten (Brühl eingeschlossen), welche die Spur des Ehepaars verfolgen, ist eine der bitteren Pointen der Geschichte. Letztlich stützen diese jungen Männer ein System, das bis zum Schluss nicht zögern wird, sie genauso sinnlos zu opfern wie den Sohn der Quangels.

Fazit: Ein gut gespieltes, routiniert inszeniertes Drama, das einige Aspekte der Zeitgeschichte überzeugend transportiert, aber in seiner risikolosen Inszenierung absolut überraschungsarm und zu handzahm geraten ist - gerade, wenn man es an seiner erzählenswerten Handlung misst.




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