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Jeder stirbt für sich allein mit Daniel Brühl
Jeder stirbt für sich allein mit Daniel Brühl
© X Filme / Christine Schröder

Tagebuch Berlinale 2016: Der Buh-Rufer und die Geduldstester

5. Tag: Tod in Sarajevo und allein in Berlin

Drei vollkommen unterschiedliche Wettbewerbsfilme sorgten heute wieder einmal für Abwechslung, aber unterschiedlichen Unterhaltungsgrad im Berlinale-Palast und im Cinemaxx. Am Morgen entführt der bosnische Regisseur Danis Tanović, der bereits vor drei Jahren mit "Aus dem Leben eines Schrotthändlers" im Wettbewerb der Berlinale 2013 vertreten war, mit "Smrt u Sarajevu" ("Tod in Sarajevo"), das Publikum in die bosnische Hauptstadt. Dort erwartet das Hotel Europa am 28. Juni 2014 europäische Staatsmänner.

Der 100. Jahrestags des Anschlags des serbischen Attentäters Gavrilo Princip auf den österreichischen Kronprinzen Franz Ferdinand soll zu einem Appell für Frieden und Verständigung genutzt werden. Doch weder Frieden noch Verständigung herrschen im Vorfeld: Der Hoteldirektor versucht mit allen Mitteln, einen Streik seiner Angestellten ausgerechnet zum Kongress abzuwenden, während oben auf dem Dach des Hotels bei einer Fernsehdiskussion Argumente hart aufeinander prallen: Ist Princip ein Verbrecher oder ein Held?

Tanovic hält die Anspannung in seinem Drama mit einer intensiven Kameraführung und einem flotten Tempo hoch und legt zugleich Zeugnis ab von einer Vergangenheit, die nicht vergehen will und mit der Bosnien weiter hadert. Der beeindruckende Film erhielt ordentlich Applaus.

Was man nicht vom zweiten Tagesstarter zur Mittagszeit sagen kann. Nachdem im Oberrang erstmal von einigen Journalistinnen die Sitzordnung geklärt war ("In der Reihe vor uns dürfen Sie sich nicht vorlehnen, um die Untertitel zu lesen, denn sonst sehen wir hier nichts mehr"), wurde das deutsche, aber auf Englisch gedrehte Drama "Alone in Berlin" ("Jeder stirbt für sich allein") gezeigt. Die Starbesetzung mit Emma Thompson, Brendan Gleeson und Daniel Brühl sorgte für einen vollen Berlinale-Palast, aber weniger Anspannung im Kinosaal als der Sarajevo-Streifen, obwohl die Geschichte eines Berliner Paares, das im Zweiten Weltkrieg das Nazi-Regime herausfordert, doch eigentlich Spannung genug hergeben sollte.

Doch der schweizerische Regisseur Vincent Perez hat den Hans Fallada-Roman allzu brav und vollkommen überraschungsfrei in die Filmewelt transportiert. Handwerklich alles sauber, aber leider auch zu routiniert. Und da viele Kritiker allergisch gegen traditionelles Star-Erzählkino sind, setzt es am Ende auch ein herzhaftes "Buuuuh!" eines Journalisten, das für Gelächter im Saal sorgt. Der Film wird nur sehr halbherzig von einigen Klatschern verteidigt.

In der anschließenden Pressekonferenz befindet Daniel Brühl, dass "Alone in Berlin" ein wichtiger Film sei, weil er in Zeiten wieder verstärkt anschwellenden rechtsradikalen Gedankenguts zeige, wie Zivilcourage in einem Unrechtssystem bewiesen worden sei. Regisseur Perez hat derweil Probleme, seinen Schluss - von einem Medienvertreter als irreführend optimistisch bezeichnet - zu rechtfertigen.

Am Nachmittag geht es dann mit Regisseur und Drehbuchautor Yang Chao und seinem chinesischen Drama "Chang Jiang Tu" ("Gegenströmung") auf den Fluss Yangtse und hinter den Drei-Schluchten-Damm. Das Werk, das Gedichtzitate aneinanderreiht, und Realität und Traum verschwimmen lässt, scheint so etwas wie eine Allegorie auf den Yangtse zu sein. Auf jeden Fall ist es ein Geduldstester. Das Publikum im Cinemaxx war am Ende so perplex, dass sich erstmal keine Hand zum Applaus rührte. Erst ein vorsichtiger Klatscher zog etwas Applaus nach sich. Man darf gespannt sein, wer sich von den Kritikern aus diesem Streifen wie einen Reim machen wird - Bären dürfte es für diese Kopfgeburt kaum geben.

Derweil wurde unser Kollege Gregor Torinus einem Geduldstest ganz anderer Art unterzogen: Im Forum lief der US-amerikanische "Fantastic" - doch phantastisch war hier laut Gregor nichts. Er schimpft über einen "prätentiös-debilen Kunstquark im Neo-Noir-Gewand". Die Macher bewiesen, dass eine Aneinanderreihung von Bildern, wie dem von drei Personen, die alle ultramarinblau eingesprühte Springerstiefel tragen und dabei mit wichtigtuerischer Miene Nonsens von sich geben, noch keinen Film ergeben. "Phantastisch ist bei diesem Film nur das Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt", so der leidgeprüfte Kollege. Viele andere Journalisten hätten sich dieser Qual nicht unterziehen wollen, sondern es vorgezogen, den Kinosaal vorzeitig zu verlassen.

Zum Glück gab es für Gregor zum Ausgleich aber auch noch ein "echtes Highlight" mit der Weltpremiere des surrealen Psychodramas "Remainder" im Panorama. Die deutsch-britische Koproduktion unter der Regie des israelischen Videokünstlers Omer Fast ist eine Adaption des Debütromans von Tom McCarthy, mit dem zusammen der Regisseur auch das Drehbuch verfasst hat. Erzählt wird die Geschichte von einem jungen Mann (John Sturridge), dem in der Londoner Innenstadt herabfallende Bauteile eines Hochhaus auf den Kopf treffen. Nachdem er wider Erwarten aus dem Koma erwacht, kann er sich zunächst an nichts vor dem Unfall mehr erinnern. Dafür ist er um 8,5 Millionen Pfund an Schweigegeld reicher - Geld das er erhält, damit er seinen Fall nicht öffentlich macht. Nach und nach kommen ihm Erinnerungen oder Visionen, scheinbare Bruchstücke seiner verlorenen Identität, die er mit seinem Geld mit einem riesigen Aufwand nachstellen lässt.

Bei dieser Suche nach der Wahrheit verschmelzen Gregor Torinus zufolge immer mehr Erinnerung, Gegenwart und Zukunft, Alltagsrealität, Traum und Vision. Das Ergebnis ist ein Film, mit mehrfachen stürmischen Applaus bedacht wurde und von dem man in Zukunft noch viel reden wird. Oder war es doch eher die Vergangenheit?

Und schließlich sah unsere Redakteurin Julia Nieder noch "A Serious Game" in der Special Gala-Sektion. Pernilla August hat bei diesem schwedischen Drama ein Drehbuch von Lone Scherfig nach Hjalmar Söderberg's Roman von 1912 verfilmt. Verhandelt wird die ewige Frage nach der wahrhaftigen Liebe. Ist sie nur ein Traum, oder kann sie gelebt werden? Jule beschäftigte eine andere Frage: Schlafe ich gleich ein, oder bin ich zum Abspann noch wach? Das "Serious" im Titel ist wörtlich zu nehmen: Laut unserer Redakteurin ging es seeeehr ernst, seeeeehr getragen und mit seeeehr vielen Nahaufnahmen zu. Keine Empfehlung.

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