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Beziehungsweise New York
Beziehungsweise New York
© Studiocanal

Kritik: Beziehungsweise New York (2013)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Schon in "L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr" und "Wiedersehen in St. Petersburg" war der Franzose Xavier (Romain Duris) verzweifelt bemüht, Struktur in sein Leben zu bringen, haderte jedoch stets mit den Wirrungen des Schicksals und der Schwierigkeit, die richtige Entscheidung zu treffen. Auch Jahre später hat sich daran nicht allzu viel geändert, wie der (wahrscheinliche) Abschluss von Cédric Klapischs turbulentem Beziehungsreigen zeigt. Der Schriftsteller Xavier ist reifer geworden, hat eine Familie gegründet, doch die geordneten Verhältnisse sind nicht von bleibender Dauer. Seine Ehefrau Wendy (Kelly Reilly), die er als Erasmus-Student in Barcelona kennen gelernt hat, trennt sich von ihm und zieht kurz darauf mit den gemeinsamen Kindern zu ihrem neuen Freund nach New York. Ein großer Schock für Xavier, der parallel auch noch unter einer handfesten Schreibblockade leidet. Um diese zu überwinden und seiner Familie nahe zu sein, macht er sich ebenfalls auf in die amerikanische Metropole, wo er zunächst bei seiner besten Freundin Isabelle (Cécile de France) und deren Lebensgefährtin unterkommt.

All das ist freilich nur der Auftakt für unzählige Verwicklungen, mit denen Xavier in der fremden Umgebung schon bald konfrontiert wird. Wie in den Vorgängerfilmen auch, setzt Regisseur und Drehbuchautor Klapisch dabei auf einen leichtfüßigen und zwanglosen Inszenierungsstil. Cartoon-Sequenzen ergänzen das Realgeschehen. Der New Yorker U-Bahn-Plan wird leinwandfüllend gezeigt, um die Weitläufigkeit der Weltstadt zu veranschaulichen. Und die Philosophen Hegel und Schopenhauer treten leibhaftig in Erscheinung, wenn die orientierungslose Hauptfigur einen dringenden Ratschlag benötigt. Derartige Spielereien mögen auf den ersten Blick aufgesetzt erscheinen, lockern das Geschehen aber ungemein auf und sind zudem eine Reminiszenz an die vorherigen Filme.

Passend zur experimentierfreudigen Form macht sich Klapisch auch von einem gradlinigen und damit einengenden Handlungsverlauf frei. So präsentiert "Beziehungsweise New York" viele kleine Geschichten, die nicht selten mit Sprüngen und Auslassungen arbeiten. An einer Front hat der Protagonist mit Wendy zu kämpfen, die über sein Auftauchen verärgert ist und einen Anwalt konsultiert. An einer anderen macht er sich auf die anstrengende Suche nach einer eigenen Wohnung (ein Problem, das dramaturgisch etwas ungelenk gelöst wird). Und dann steht auch noch seine Ex-Freundin Martine (Audrey Tautou) vor der Tür, was plötzlich alte Gefühle aufkommen lässt. Wie im wahren Leben sind es oftmals unvorhergesehene Ereignisse, die Xaviers Amerika-Abenteuer in immer neue Richtungen lenken, den Schriftsteller vor neue Schwierigkeiten stellen, ihm zugleich aber auch neue Perspektiven aufzeigen. Klischees spielen dabei mehrfach eine Rolle, werden von Klapisch jedoch häufig amüsant gebrochen. Vor allem dann, wenn er sich mit New York und dessen Eigenschaft als Schmelztiegel der Kulturen befasst.

Zusammengehalten werden die unterschiedlichen Ereignisse durch eine Metaebene, die der Regisseur gleich zu Anfang etabliert. Um Xaviers kreative Krise zu beenden, regt ihn sein Verleger an, die eigenen Erlebnisse (vor und in New York) zum Thema seines neuen Buches zu machen. Das, was wir im Folgenden zu sehen bekommen, ist also auch der Inhalt des autobiografischen Romans, den Xavier am Ende des Films fertigstellt. Eine nette Idee, die Klapisch allerdings etwas zu aufdringlich in den Vordergrund zerrt. Immer wieder schieben sich Skype-Gespräche zwischen Xavier und dem Verleger in die eigentliche Handlung, in denen die beiden offen über die Macht des Zufalls und den Aufbau von Geschichten debattieren. Hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als wolle der Regisseur die mögliche Kritik an seiner unorthodoxen Erzählweise schon einmal vorsorglich entkräften.

Dass "Beziehungsweise New York" trotzdem wunderbar zu unterhalten weiß, liegt nicht zuletzt am nach wie vor sympathischen Figurenpersonal. Xavier und Co. sind keine Superhelden, haben Fehler, werden von Zweifeln geplagt und suchen nach ihrem Platz in einer oft unübersichtlichen Welt. Empfindungen und Sehnsüchte, die vielen Zuschauern nicht allzu fremd sein dürften.

Fazit: Nach "L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr" und "Wiedersehen in St. Petersburg" schickt Cédric Klapisch den Glückssucher Xavier erneut in ein turbulentes Auslandsabenteuer. Das Ergebnis ist eine gewitzte und abwechslungsreiche Beziehungskomödie, die allenfalls mit ihren Selbstbezügen ein wenig übers Ziel hinausschießt.





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