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Kritik: Whiplash (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Dunkel ist die Leinwand, lediglich das Trommeln auf einem Schlagzeug ist zu hören. Dann zeigt die Kamera einen Gang, an dessen Ende Andrew (Miles Teller) an einem Schlagzeug sitzt und übt. Immer wieder erklingen dieselben Schlagfolgen, er treibt sich selbst an, während die Kamera auf ihn zu fährt. Andrew ist 19 Jahre alt und will unbedingt als Jazz-Drummer Karriere machen. Er wurde bereits an der besten Musikhochschule des Landes –unverkennbar Juillard nachgebildet – angenommen, allerdings ist er noch ein Ersatzmann in einer der Bands. Dann wird er in dieser Nacht von dem Bandleader und Lehrer Terence Fletcher (J.K. Simmons) gehört, seine Studio Band ist die erfolgreichste Band. Dorthin will Andrew es schaffen – und tatsächlich wird sein Traum wahr: Er wird in die Band aufgenommen. Nun ist sein Ehrgeiz ist vollends entfacht, er will Fletchers Anerkennung, sein Lob. Jedoch sind Fletchers Ansprüche gnadenlos hoch und seine Unterrichtsmethoden bestehen aus Angst, Gewalt und Psychospielen. Zwischen Andrew und Fletcher entsteht eine gefährliche Beziehung, die Andrew immer mehr verändert.

In Sundance mit dem Grand Jury Prize und Audience Award ausgezeichnet, ist Damien Chazelles "Whiplash" ein mitreißender Film über die Anfänge einer Jazz-Karriere, über die Opfer, die harte Arbeit und den tagtäglichen Kampf auf dem Weg zu erhoffter Größe. Mehrfach wird im Film eine Anekdote von Charlie Parker erzählt, der einst einen Auftritt im Reno Club vermasselte. Daraufhin schleuderte ihm Jo Jones ein Becken an den Kopf und schmiss ihn von der Bühne. An diesem Abend ging Charlie Parker mit Tränen in den Augen zu Bett, am nächsten Morgen war er jedoch entschlossen, es der Welt zu zeigen. Ein Jahr lang übte er wie ein Wahnsinniger und kehrte dann in den Reno Club zurück, um die Welt zu erstaunen. Diese Geschichte ist für Fletcher Anlass, seine Schüler mit allen Mitteln anzutreiben, sie ist für Andrew Ansporn zum Üben, sie befeuert seinen Glauben, dass er hart genug arbeiten muss. Schon bald geht es nicht mehr um Freude oder Selbstverwirklichung, sondern die Angst vor einem falschen Ton und das verzweifelte Hoffen auf einen anerkennenden Blick treiben ihn an. Hier wird sofort die Kehrseite von Charlie Parkers Talent angedeutet: Er starb mit 33 Jahren an einer Überdosis Heroin.

J.K. Simmons spielt Fletcher mit brodelnder Virilität, durchzieht seine Rolle aber zudem mit Sensibilität und Charisma. Auf seine Wutausbrüche folgen Witze, auf Beleidigungen lustige Sprüche, so dass man dank dieser geschickten Inszenierung von Damien Chazelle lange Zeit hofft, der Film sei vielleicht doch konventioneller – und der Mann sympathischer als er wirkt. Dadurch werden Andrews Zögern, seine Selbstzweifel und seine ständige Hoffnung auf Anerkennung nachvollziehbar. Hier zeigt Miles Teller eine gute Mischung aus Besessenheit und Zweifeln. Zwischen Fletcher und Andrew entsteht ein Duell, für das Damien Chazelle die passenden Bilder findet: die blutigen Hände, die schwitzigen Körper zeigen, dass es ein Krieg ist. Vor dem letzten Akt greift sich Andrew seine Schlagzeugstöcke als wären sie die Waffen für das finale Duell.

Aufgrund der starken Leistungen der Schauspieler und in der Inszenierung verzeiht man kleine Misstöne und Missgriffe im Plot, stattdessen lässt sich man vollends auf die Beziehung zwischen Fletcher und Andrew ein. Dennoch ist "Whiplash" kein tragischer Problemfilm, sondern insbesondere in den meisterlich inszenierten Musikszenen leicht und lebendig, so dass die Euphorie, die Leidenschaft und die Faszination für den Jazz zu spüren ist und sich auf jeden überträgt. Zugleich hinterfragt der Film die Bedingungen, die große Leistungen hervorbringen – und dass "Whiplash" hierauf keine eindeutigen Antworten liefert, ist eine mutige und gelungene Entscheidung.

Fazit: Edison soll gesagt haben, dass Genie aus einem Prozent Talent und 99 Prozent harter Arbeit besteht. In "Whiplash" erforscht Damien Chazelle die Bedingungen zur Größe, zur Explosion eines Talents – und kreiert einen der mitreißendesten Jazz-Filme der letzten Jahre.




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