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Zeit der Kannibalen
Zeit der Kannibalen
© farbfilm verleih © Pascal Schmit

Kritik: Zeit der Kannibalen (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Kapitalismus-Satire "Zeit der Kannibalen" ist für deutsche Verhältnisse extrem radikal und gewagt. Regisseur Johannes Naber macht aus der Not des begrenzten Budgets eine Tugend und aus einer Farce ein extrem stilisiertes Kammerspiel. Im wesentlichen beschränkt sich das Darstellerensemble auf die drei Unternehmensberater. Weitere gelegentlich auftauchende Personen sind für sie rein zweckdienlicher Natur und von daher nicht weiter von Interesse. Das gleiche gilt für die ständig wechselnden Kontinente und Länder, die sie auf ihrer Mission – der globalen Verbreitung des Kapitalismus – bereisen. Die konkrete Wirklichkeit dieser Orte ist für diese Zyniker absolut uninteressant. Sie sind froh, dass sie für ihre Geschäfte nicht ihre Hotels verlassen müssen, denn dort draußen droht Gefahr in Form extremer Luftverschmutzung. Die überall immer gleichen Hotels stören sie überhaupt nicht. Nur den neurotischen Ordnungsfanatiker Niederländer stört, dass nicht auch weltweit in allen Hotels die Lichtschalter an der gleichen Stelle sitzen.

Johannes Naber verschleiert keineswegs, dass der Film komplett im Studio gedreht wurde. Im Gegenteil betont er die Artifizialität der gezeigten Nicht-Orte der Business-Hotels noch dadurch, dass "das Außen" nur in Form von stilisierten Hochhäusern aus Pappe gezeigt wird, die von Smog-Nebel umweht werden. Die Hotels selbst unterscheiden sich nur geringfügig in ihrem Dekor. Das jeweilige Land zeigt sich vorrangig anhand der wechselnden Bediensteten: Schwarze in Afrika, Inder in Indien. Zu diesem visuellen Minimalismus gesellt sich eine ebenfalls sehr minimalistische musikalische Untermalung in Form einzelner knarzender Percussion-Klänge. Ein weiteres großes Plus des Film ist das Drehbuch von Stefan Weigl. Die darin enthaltenden Dialoge - die den Großteil der Filmhandlung bilden - sind stellenweise so zynisch, bitter-böse und so staubtrocken, wie man es aus deutschen Komödien einfach nicht kennt.

In dieser für hiesige Verhältnisse überragenden Qualität liegt jedoch zugleich der Stolperstein, dem diese schwarze Komödie ein Stück zum Opfer fällt. Denn das ein menschenverachtender und zugleich staubtrockener Text auch genauso gesprochen werden muss, dass ist den eigentlich sehr guten Schauspielern dann anscheinend doch zu unheimlich. Deshalb spielen sie allesamt gerade bei den wirklich guten, weil bitterbösen Stellen oft so, als wollten sie klarmachen, dass das soeben Gesagte natürlich nur als Witz zu verstehen ist. Das macht letzten Endes doch so einiges kaputt. Richtig gelungen ist dahingegen, wenn sich am Ende die Wirklichkeit mit Gewalt ihr Recht verschafft. Genau so unversöhnlich müsste der Ton des gesamten Films sein, um aus einer weit überdurchschnittlichen deutschen Satire den hier potentiell möglich gewesenen herausragenden Film zu machen, der leider doch in einem vorgerückten Zwischenstadium steckengeblieben ist.

Fazit: "Zeit der Kannibalen" ist eine bitterböse deutsche Kapitalismus-Satire, die so böse ist, dass die Darsteller immer wieder mal zeigen müssen, dass dies ja alles nicht ganz so gemeint ist, wodurch der Film leider wieder einiges an Biss verliert.





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