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Kritik: Baal (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Baal" ist das erste Theaterstück von Bertolt Brecht, das der erst 20-Jährige im Jahr 1918 schrieb. Die von ihm geschaffene Figur eines gierigen Mannes, der mit sich im Reinen ist, weil er nur das tut, was er will, war zum Teil als Provokation gedacht. Nur weil jemand ein genialer Künstler ist, muss er noch lange kein vorbildlicher Mensch sein. 1969 adaptierte der Regisseur Volker Schlöndorff das Stück für seinen vierten Spielfilm, kurz nachdem er den 24-jährigen, damals noch unbekannten Rainer Werner Fassbinder kennen gelernt hatte. Er sah in dem Dramaturgen, der das "Anti-Theater" leitete, eine waschechte Baal-Figur. Nach der Fernsehausstrahlung des Films im Jahr 1970 verbot Brechts Witwe Helene Weigel weitere Vorführungen, weil sie fand, dass er mit dem Werk ihres Mannes nicht vereinbar sei. Auch nach ihrem Tod im Jahr darauf hielten Brechts Erben das Ausstrahlungsverbot aufrecht, über 40 Jahre lang. Erst jetzt darf der restaurierte Film, wenige Tage vor Schlöndorffs 75. Geburtstag, in die Kinos kommen.

Der Film ist ein spätes Dokument der 68-er Generation, der künstlerischen und sozialen Revolte, in dem sich Themen wie die sexuelle Befreiung wiederfinden. Baal pfeift auf alle gesellschaftlichen Zwänge, aber der Ausbruch führt noch ins Leere und geht zu Lasten seiner Begleiter, vor allem der Frauen. Baals Maßlosigkeit spiegelt auch die ausbeuterischen und selbstausbeuterischen Tendenzen von Fassbinder, der sich als Filmregisseur verausgabte und mit 37 Jahren starb.

Der in München spielende Film wirkt wie ein unbekümmertes Experimentieren mit dem Medium. Schlöndorff unterteilt die Handlung in 24 kurze Kapitel und lässt die Schauspieler bühnenhaft deklamieren, mit ernstem, oft nach innen gekehrtem Blick. Wenn ein Film heute in München gedreht wird, feiert er gerne die barocke Schönheit der Stadt. Schlöndorffs damaliges Interesse aber ist ein anderes. Zu Baal, der sich bei einem Auftritt als Dichter vor Theaterpublikum die Hemdattrappe von der Brust reißt, einen Spottvers zum Besten gibt und auf der Suche nach Schnaps davoneilt, passen andere Kulissen: der Fluss mit seinem Kiesufer, gesichtslose Schutt- und Schrottplätze, Feldwege, eine schäbige Billardkneipe. Klaus Doldinger vertont in seiner zweiten Filmmusik die Lieder, die zu Brechts Stück gehören, neu in Form von Blues. Wenn man in die jungen Gesichter blickt - Fassbinder, Margarethe von Trotta oder Hanna Schygulla – fühlt man sich in die aufregende Zeit des Neuen Deutschen Films zurückversetzt.

Fazit: Nachdem er über 40 Jahre wegen eines Erben-Einspruchs nicht aufgeführt wurden durfte, kommt Volker Schlöndorffs Spielfilm "Baal" aus dem Jahr 1970 erst jetzt ins Kino. Das filmhistorisch interessante Dokument zeigt den damals noch unbekannten Rainer Werner Fassbinder in einer Rolle, in der sich sein eigener Charakter spiegelt.




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