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Kritik: Der Kreis (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Schweizer Filmemacher Stefan Haupt stellt diese berührende reale Liebesgeschichte in das Zentrum seines Doku-Dramas über die erste Schwulenbewegung in Europa. Hierbei wechselt er zwischen Interviews mit dem echten Ernst Ostertag und Röbi Rapp, sowie einigen weiteren Zeitzeugen, in der Gegenwart und von Schauspielern getragenen Rückblenden in die damalige Zeit. - Wer hätte vermutet, dass der Ursprung der europäischen Schwulenbewegung in der Schweiz liegt? Im dortigen damaligen liberalen Klima konnte bereits Anfang der 30er-Jahre das homosexuelle Magazin Der Kreis entstehen. Dieses verbreitete sich heimlich bis nach Deutschland, obwohl hier männliche Homosexualität durch den Paragrafen 175 noch lange als Straftat geächtet war. Aber Der Kreis war weit mehr, als nur eine – nach heutigen Maßstäben zudem sehr harmlose - Zeitschrift. "Rolf" (Stephan Witschi) - der Gründer des Kreises, organisierte auch regelmäßige rauschende Feste, die Zürich in den 50er-Jahren zum hedonistischen Zentrum der europäischen Schwulenbewegung machten, das bis weit über die Landesgrenzen hinaus homosexuelle Gäste anzog.

Das unbeschwerte Treiben hatte jedoch ein Ende, als es ab 1969 zu einigen Morden im Strichermilieu kam. In deren Folge wurde die homosexuelle Szene im zuvor so weltoffenen Zürich gehörig unter Druck gesetzt. Es kam zu einer Welle von Verboten, Razzien und und von polizeilichen Schikanen, die 1967 zur Selbstauflösung der Gruppe führten. Doch zu diesem Zeitpunkt hatten sich in ganz Europa und bis in die USA bereits zahlreiche von Der Kreis inspirierte Tochtergruppen gebildet. Außerdem begannen jetzt auch in Zürich die Studentenproteste der 68er. Diese beschäftigten die Polizei so sehr, dass sich dort trotz der repressiven Grundstimmung auch die Schwulenbewegung neu formieren konnte. Immer dabei Ernst Ostertag und Röbi Rapp, die noch im Seniorenalter als erstes verheiratetes Schweizer schwules Paar Geschichte schrieben.

Diese so interessante, wie bewegende Geschichte hat Stefan Haupt mit geringen Mitten auf angemessene und sensible Weise filmisch umgesetzt. In den in Brauntönen gehaltenen Rückblenden verbindet sich ein sehr nüchterner Realismus mit großen Gefühlen. Anders als in vielen Historienfilmen wird jedoch nichts verschönert oder überhöht. Alles wirkt der Zeit entsprechend ein wenig piefig, selbst der große Maskenball. Aufregend ist nicht das Dekor, sondern das Gefühl innerer Freiheit, das im gezeigten konservativen und kleinbürgerlichen Umfeld umso mehr zur Geltung kommt. Somit zeigt dieser Film, dass oft nicht bekannte Politiker, sondern Menschen, wie der Friseurgeselle Röbi und der Lehrer Ernst Geschichte machen.

Fazit: "Der Kreis" ist ein ebenso bewegendes, wie interessantes Doku-Drama über die erste europäische Schwulenbewegung und einige ihrer Hauptakteure.





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