VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Stonewall (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Regisseur Roland Emmerich, bislang für lautes Actionkino bekannt, schlägt in "Stonewall" leise Töne an. Das Drama war dem Schwaben ein persönliches Anliegen, in das er eigenes Geld investierte. Der gebürtige Stuttgarter, der mit bildgewaltiger Science-Fiction ("Stargate", "Independence Day", "Godzilla") Weltruhm erlangte, lebt erst seit seinem Umzug nach Hollywood offen homosexuell. "Stonewall" blickt durch die Augen einer frei erfundenen Figur auf wahre Ereignisse: den Beginn der New Yorker Lesben- und Schwulenbewegung. Das ist gut gemeint, trifft aber an zu vielen Stellen nicht den richtigen Ton.

Der komplexen Gemengelage aus Polizisten, Mafiosi, politischen Aktivisten und sozial Gestrandeten zum Trotz zeichnen Emmerich und sein Drehbuchautor Jon Robin Baitz das Greenwich Village recht eindimensional. Als der junge Danny Winters (Jeremy Irvine) 1969 dort ankommt, ist die Christopher Street in zwei unversöhnliche Parteien gespalten. Auf der einen Seite stehen Ray (Jonny Beauchamp) und seine Clique, die ihr Geld auf dem Strich verdienen. Die Hoffnung auf ein besseres, gar ein gleichberechtigtes Leben haben sie vor langer Zeit begraben. "Auf der Christopher Street ist kein einziger Traum wahr geworden", sagt einer von ihnen. Dieser Verbitterung arbeitet Trevor (Jonathan Rhys Meyers) entgegen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite verteilt der politische Aktivist Handzettel, die zum gewaltlosen Kampf für die Rechte der Homosexuellen aufrufen. In lichtdurchfluteten Aufnahmen taumelt Danny zwischen Ray und Trevor hin und her, bis er schließlich den ersten Stein wirft. Den langen Weg zu sich selbst unterbrechen Rückblenden, die in Dannys tragische Jugend führen.

Dass der unbedarfte, weiße Junge vom Land den Aufstand anzettelt, hat in den USA für viel Unmut gesorgt. Für diese und andere historische Ungenauigkeiten hagelte es allerorten Verrisse. Nun ist Emmerichs Film jedoch ein Spiel- und kein Dokumentarfilm. Dramaturgische Zuspitzungen, Verkürzungen und Überhöhungen müssen erlaubt sein. Dass Emmerich es damit nicht allen Zeitzeugen, Historikern und Filmkritikern recht machen kann, ist evident. Die sorglose Vermischung von Fakten und Fiktion ist jedoch geradezu naiv – und die Motivation dahinter bleibt fragwürdig.

Dass Emmerich die Geschichte eines weißen Jugendlichen, der von der konservativen Enge auf dem Land in die liberale Weite der Großstadt flüchtet, gereizt hat, ist verständlich. Sie gleicht doch allzu sehr Emmerichs eigenem Werdegang. Die lehrbuchhafte, bieder inszenierte Coming-of-Age-Geschichte, die "Stonewall" den historischen Ereignissen überstülpt, raubt dem Film jedoch jegliche Vitalität und löst dessen politische Sprengkraft in Gefühlskitsch auf. Anstatt die Geschichte aus der Perspektive eines tief in der Christopher Street verwurzelten Charakters zu erzählen – Jonny Beauchamps Ray, der einzige darstellerische Lichtblick dieses Films, bietet sich hierfür geradezu an – behilft sich das Drehbuch einer erzählerischen Krücke. Als außenstehender, zunächst nicht offen schwuler Charakter dient Danny Winters in erster Linie dazu, dem heterosexuellen Publikum einen leichteren Zugang zum Film zu ermöglichen. (Das hat Emmerich in einem Interview bedenkenlos so geäußert.) Ray und seiner Clique hat der Regisseur das anscheinend nicht zugetraut.

Auf diese Weise bricht "Stonewall" ein bis heute brisantes politisches Thema – der Anteil homosexueller Jugendlicher unter den Obdachlosen liegt in den USA bei etwa 50 Prozent – auf die Gefühlswirrungen eines jungen Erwachsenen herunter. Schillernde Nebenfiguren bieten billige Lacher, weil sie in gängigen Klischees über Homosexuelle erstarren. Gerade diese hätten jedoch mehr Tiefe und Glaubwürdigkeit verdient gehabt. Das ist ärgerlich, teils sichtlich bemüht, größtenteils jedoch zu simpel und eine vertane Chance.

Fazit: Roland Emmerichs "Stonewall" hätte ein mitreißendes Drama über die Ursprünge der New Yorker Lesben- und Schwulenbewegung werden können. Statt sich auf die spannendsten Akteure zu konzentrieren, stülpt der deutsche Regisseur den wahren Ereignissen jedoch die biedere Coming-of-Age-Geschichte eines langweiligen Teenagers über, deren Motivation äußerst fragwürdig bleibt. Am Ende bewegt einen das bewegende Schicksal der Figuren zu wenig.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.